“Weinende Frauen vor verlassener Grabkammer”

Kirchenfenster "Weinende Frauen vor verlassener Grabkammer"

Kirchenfenster “Weinende Frauen vor verlassener Grabkammer”

Morgenstimmung zwischen den Hügeln. Die Welt ist in rot-goldenes Licht getaucht. Ein Höhleneingang steht offen. Im Fels führt eine Treppe hinauf. Drei Gestalten sind da. Schattenrisse im Gegenlicht. Eine von ihnen steigt hinauf zur Höhle.

Mit einfachen Linien und kräftigen Farben setzt der Künstler Cornelius Staudt ein Stück aus den Ostergeschichten in Szene. Die älteste überliefert der Evangelist Markus. Er weiß von drei Frauen, die früh am Morgen zum Höhlengrab kommen, wo man Jesus hingelegt hatte. Doch anstatt den Tod anzutreffen, werden die Frauen zu ersten Zeugen der Auferstehung.

Den unteren Bildteil hält der Künstler in einem erdigen Orange. Es ist die Farbe des Menschen (im Alten Testament sind „Mensch“ und „rot“ dasselbe Wort), die Farbe der Vergänglichkeit. Zwei von den Frauen stehen hier wie im Nebel. Ihre Sicht ist begrenzt. Das Neue, die Wendung zum Leben, das nehmen sie wohl noch nicht wahr. Eine aber geht schon ins Licht hinauf. Auch das Grab selbst ist nicht vollkommen dunkel. Ein silbriger Schimmer ist dort zu sehen.

Das Bild hält die Osterbotschaft in einer Spannung wie der Evangelist Markus. Bei ihm verkündet der Engel „fürchtet euch nicht, Jesus ist auferstanden“. Doch die drei Frauen erkennen nicht den Lichtblick darin. Voller Angst fliehen sie vom Grab. Ursprünglich endet das Evangelium hier. Es fordert uns heraus. Denn hier beginnt unsere eigene Glaubensgeschichte. Osterglaube bedeutet ja, dass uns dieses Ereignis angeht. Es geht um unsere Begegnung mit dem lebendigen Gott. Wir selbst setzen die Geschichte der drei Frauen fort.

Da passt es, dass der Künstler unserer Fantasie Raum lässt: Tragen diese Gestalten wirklich antike Gewänder oder vielleicht doch einen modernen Mantel? Die Landschaft – ist  das wirklich das ferne Israel oder vielleicht doch der Odenwald? Die Treppe zum Grab – ist das die historische Stätte oder vielleicht der eigene Lebensweg? Sichtbar führt er auf den Tod hin, aber unsichtbar führt er in das Leben Gottes hinein. So macht das Bild, was schon die Evangelien wollten, nämlich, dass wir uns in die Personen von damals hineindenken.

Nach Markus erscheint ihnen die Osterbotschaft zunächst erschreckend fremdartig. Dann aber wird sie zur Lebensbotschaft. Die Welt der Sterblichen wird durchlässig für Gottes Leben. Dieses Geheimnis ist auch im Bild zu sehen. Ein Zeichen dafür sind die farbigen Bänder im Bild. Links ein rotes und am rechten Bildrand ein blaues. Horizontal darüber noch ein kurzer blauer Streifen. Hier bricht etwas ganz anderes hinein in die Welt der Menschen und der Gräber. Mit ähnlichen Einschnitten hat man schon in Bildern des Mittelalters auf den Raum Gottes hingewiesen, der alles durchdringt.

Die Wirklichkeit, wie sie vor Augen steht, ist nur ein Teil der Wahrheit. Das, was wir das „Jenseits“ nennen, ist in Wahrheit nichts anderes als Gottes eigener Raum. Er ist ewig, in und hinter allen Dingen. Ganz nah. So macht auch die Auferstehung Jesu Sinn: Nicht als längst vergangenes Ereignis, sondern als Begegnung mit der lebendigen Liebe Gottes, hier und heute.

Markus Zink (Referent für Kunst und Kirche, Zentrum Verkündigung)
Bildmeditation zu Cornelius Staudts Glasfenster