Gemeinde unterwegs: Unsere Siebenbürgenfahrt vom 1. bis 9. Mai 2019

Kirsten Sames gab es uns am Morgen der Abfahrt in Seeheim mit auf den Weg: „Ich wünsche euch vor allem viele gute Begegnungen mit den Menschen in Siebenbürgen, denn das könnte den besonderen Reiz der Reise ausmachen!“ Wie Recht sie hatte!

Siebenbürgen

Unsere Reiseroute

Möglich war die von Birgit Geimer (ev. Dekanat Bergstraße) und Christoph Sames geleitete Studienfahrt, weil die Familie Sames im Vorjahr die Reiseroute erkundete und dabei auch die ihr bekannte Pfarrerfamilie Hildegard und Gerhard Servatius-Depner im rumänischen Mediasch besuchten. So konnten am 1. Mai 2019 23 Teilnehmer aus Seeheim und benachbarten Kirchengemeinden nach Sibiu (Hermannstadt) in Rumänien fliegen.Welche Eindrücke nimmt man mit, wenn man neun Tage lang weit östlich in Europa auf dem Balkan in einem geschichtsträchtigen, uns fremden Land unterwegs ist, das sich sowohl „Rumänien“, als auch „Siebenbürgen“ und „Transsylvanien“ nennt und in dem sich seit Jahrhunderten Menschen zu ihren bis heute unterschiedlichen nationalen Identitäten als „Siebenbürger Sachsen“, „Ungarn“, Rumänen“, „Roma“ etc. zugehörig fühlen?

Auf der Landkarte ist das von den Karpatenbögen umschlossene Siebenbürgen leicht zu erkennen. Entsprechend gab es bei vielen unserer insgesamt vierzehn Stationen der Reiseroute wunderschöne Blicke auf die zum Teil schneebedeckte Bergwelt.

Sambata

In den von uns besuchten Städten Sibiu (Hermannstadt), Brasov (Kronstadt) und Sighișoara (Schäßburg) haben vor allem die Siebenbürger Sachsen ihre Spuren hinterlassen. Deutsche Bauern und Handwerker, die z.B. aus Rheinlandpfalz, Rheinhessen und Umgebung stammten,  wurden ab dem 12. Jahrhundert von ungarischen Königen in das  kaum besiedelte Transsilvanien (‚jenseits der Wälder‘) geholt. Die Ungarn nannten die Neubürger Szaszok (Sachsen), die sie dringend auch für die Landesverteidigung gegen Mongolen-, Tartaren- und später auch Osmanen-Einfälle benötigten. Auf dem Land entstanden ab dem 13. Jahrhundert  die berühmten Siebenbürger Kirchenburgen,  die  Menschen und Vieh bei Überfällen schützen konnten. Mehr als 160 dieser Wehrkirchenanlagen sind noch erhalten,  manche davon UNESCO-Welterbe.

Nach vielen Jahren der kulturellen und wirtschaftlichen Entwicklung, ging der Kampf auch im 20. Jahrhundert weiter: Weltkriege, Wirren der NS-Zeit, nach 1945 brutale Deportationen in sibirische Sowjetlager, kommunistische Diktatur, Flucht nach Deutschland – nach der Wende 1989 massenhafte Auswanderung. Wie leben die verbliebenen Siebenbürger Sachsen heute unter diesen Bedingungen?

Rathaus und Brukenthal-Museum in Sibiu am Großen Ring

Auf der Lügenbrücke

In Sibiu begegneten wir unserer sachkundigen, stets kommunikativen, unermüdlichen rumänischen Reiseleiterin Anna Wenzel. Sie  zeigte uns  zahlreiche architektonische Kostbarkeiten, noble Bauwerke, eindrucksvolle Plätze und Straßen in der bezaubernden Altstadt von Hermannstadt; wir sahen aber auch Häuser und Winkel des Verfalls sowie seelenlose Betonbauten aus der kommunistischen Zeit.

Armbruster-Turm in der Harteneckgasse

Schon vor Jahrhunderten fühlten sich Besucher von Hermannstadt an eine mittelalterliche deutsche Stadt erinnert. Bis heute tragen die Türme der Stadtmauern die Namen der Handwerkerzünfte, die für die Verteidigung der Stadt zuständig waren.

Noch immer erscheint in Hermannstadt regelmäßig eine deutschsprachige Zeitung. Die Chefredakteurin der ‚Hermannstädter Zeitung, Beatrice Unger, berichtete über Geschichte und aktuelle Lage der deutschen Minderheit in Rumänien. Wie kann man die eigene Verwicklung in der NS-Zeit aufarbeiten, wenn nach dem Kriegsende viele deutschstämmige Menschen brutal und willkürlich nach Sibirien deportiert werden und in den Jahren danach die Lage der Menschen im Kommunismus  von unendlichen Alltagssorgen begleitet wird?

Beatrice Unger von der ‚Hermannstädter Zeitung‘

Ausstellung in Hermannstadt

Unsere Gruppe vor der romanischen Basilika in Michelsberg

In dem kleinen Karpatendorf Michelsberg (Cisnadioara) hielten wir Andacht im Chor einer der ältesten Kirchen Siebenbürgens.  Seit 800 Jahren steht diese kleine romanische Basilika auf einem Hügel – umgeben von  stattlichen Fichtenwäldern und weiten Obstgärten im herrlichen Silberbachtal, dem Grenzbereich zwischen Südkarpaten und Fagaras-Gebirge.

Andacht in der romanischen Basilika in Michelsberg

Michelsberg  war lange eine Klostergemeinde. Ursprünglich gehörten Dorf und Basilika zu den Besitzungen der zwischen 1188 und 1191 gegründeten Hermannstädter Propstei, die wohl auch am Bau der Basilika beteiligt war.
Heute erinnert der Chor an die Gefallenen des ersten Weltkrieges. Bei dem mit einem weißen Tuch abgedeckten Altar handelt es sich  um einen wohl zwischen den Weltkriegen gefertigten Stein, dessen seitliche Inschriften „Deutsche Helden aus allen Gauen“ verehrt. „Dankbar und stolz gedenkt Ihrer das deutsche Volk“

Mehrfach  wurden wir von Siebenbürger Familien aufs Beste verpflegt.

Zu Gast bei Familie Henning in Michelsberg

In Michelsberg erzählte unser Gastgeber Henning davon, wie sich das Leben seiner Familie in kürzester Zeit schlagartig veränderte: In dem deutschen Dorf lebten vor der Wende von 1989 noch 1200 Menschen. Nur 200 davon blieben 1990 nach der Wende in Siebenbürgen. Kaum vorstellbar, welche Konsequenzen dieser Exodus für die Zurückgebliebenen hatte. Die Menschen mussten komplett neue Wege gehen. Aber sie gaben nicht auf!

Das gilt auch für Stefan Vaida, der uns durch sein Heimatdorf Alzen (Altana) im wunderschönen  Harbachtal führte. Die Durchgangsstraße trennt das Roma-Viertel vom Rest des Dorfes: Dort leben die Ärmsten der Armen z.T. gedrängt und in ärmlichsten Verhältnissen ohne Strom und fließendes Wasser. Jenseits befindet sich die einst von Deutschen bewohnte unbefestigte ‚Straße der Sachsen‘. Viele Häuser stehen heute leer.

Foto links: Stefan Vaida in Alzen – Foto rechts: Straße der Sachsen in Alzen

Der Rumäne Stefan Vaida hat sich im rumänischen Dorfbereich ein landschaftlich schönes Grundstück mit bescheidener Bebauung vom Munde abgespart. Von Beruf ist er Restaurator. Stefan will das Dorf erhalten, ist international vernetzt und hat – gefördert von der „Prinz Charles Stiftung Rumänien“ – eine Initiative gegründet, die junge Europäer nach Rumänien einlädt, um in Siebenbürgen ehrenamtlich und mit traditionellem Handwerk Gebäude vor dem Verfall zu retten – auch in Alzen.

Stefan Vaidas Wohn – und Arbeitsprojekt

Einen vergleichbaren Überlebenskampf führen die verbliebenen deutschen Pfarrer in Siebenbürgen. In der Reformationszeit war die Gründung einer unabhängigen ev. Kirche A.B. (Augsburger Bekenntnisses) Teil der politischen Emanzipation der Siebenbürger. Überall stehen sie noch, die großen, repräsentativen  Gotteshäuser. In manchen wird – wie in der ‚Schwarzen Kirche‘  in Kronstadt – bis heute in deutscher Sprache gepredigt.

Erstaunt nahmen wir zur Kenntnis, das Siebenbürgen bis heute die größte Orgeldichte in Europa hat – oft sind die Orgeln  noch im  Zustand ihrer Herstellung im  17. oder 18. Jahrhundert.

Foto links: Schwarze Kirche in Kronstadt – Foto rechts: Edith Toth bei der
Orgelführung in Mediasch

So  befindet sich in Mediasch noch heute eine barocke Orgel des siebenbürgischen Orgelbauers Johannes Hahn von 1755  auf der westlichen Empore. Die Organistin der Kirchengemeinde, Edith Toth,  zeigte uns stolz die Fotokopie des  originalen Vertrages zwischen der Kirchengemeinde und Johannes Hahn, in dem Disposition, Material und Kosten für den Bau dieser Orgel ausführlich aufgelistet sind. Das Werk verfügt über zwei Manuale und ein Pedal, 24 klingende Register mit mehr als 1300 Orgelpfeifen.  Edith Toth verstand es wunderbar, uns mit der Vielfalt der Klänge dieser Meisterorgel vertraut zu machen.

Auch für die Kirchengemeinden in Siebenbürgen war der Exodus der Menschen nach 1989 eine nachhaltig einschneidende Veränderung. Wie geht es weiter in einer Gemeinde, wenn so viele Gemeindemitglieder plötzlich auswandern? Die Ökumene mit der rumänischen orthodoxen Kirche ist ein noch zartes Pflänzchen. Pfarrerin Servatius Deppner aus Mediasch fährt sonntags mit dem Kleinbus über die Dörfer, um Gemeindemitgliedern aus 21 Orten den Gottesdienstbesuch zu ermöglichen.

Manche Gemeinden versuchen neue Wege im Bereich des Tourismus. Zur ev. Kirchengemeinde von Wolkendorf/Vulkan gehört eine Kirchenburg. Auch unsere Gruppe wurde von der dortigen  Kirchengemeinde verpflegt und von Pfarrer Uwe Seidner geführt.

Im abgelegenen Dorf Malmkrog – landschaftlich besonders schön gelegen – führt Pfarrer Joachim Lorenz durch seine Kirche mit eindrucksvollen mittelalterlichen Fresken. Joachim Lorenz zog es nach der Wende aus Thüringen nach Siebenbürgen, wo er noch eine relativ intakte Gemeinde betreut und deutsches Brauchtum pflegt.

Foto links: Pfarrerfamilie Hildegard und Gerhard Servatius-Depner (Mediasch) – Foto Mitte: Pfarrer Uwe Seidner (Wolkendorf) – Foto rechts: Pfarrer Sames und Pfarrer Joachim Lorenz (Malmkrog)

Evangelische Kirche in Malmström

Eine gute Information über die Arbeit von der Pfarrfamilie Lorenz und Lage in Malmkrog liefert ein etwa halbstündiger Film im Internet. (https://www.youtube.com/watch?v=vSxGqbNwyS8)

Die ev. Kirche in Mediasch hat ihr Gemeindehaus mit modernen Gästezimmern mit Bad ausgestattet, um Gäste wie z.B.  unsere Gruppe zu beherbergen. So konnten wir bei einem gemeinsamen Grillabend Mitglieder der Kirchengemeinde kennen lernen. Der ehemalige Kurator der Kirchengemeinde Mediasch, Herr Schneider,  erzählte uns, wie sehr er sich den Siebenbürger Sachsen verbunden fühlt, wie er in seinem Beruf als Leiter einer Chemiefabrik die Zeit des Kommunismus überstanden und sich nach der Wende für die Kirchengemeinde engagiert hat.

Begegnung im Gemeindehaus

Ein weiterer Schwerpunkt unserer Reise war natürlich der Besuch der seit dem 13.Jahrhundert entstandenen sagenhaften Siebenbürger Kirchenburgen. Damals war das Land umkämpftes Grenzgebiet. Kirchen wurden zu Wehranlagen ausgebaut. Bei Überfällen konnten sich Menschen und ihr Vieh hinter die schützenden Ringmauern begeben und versuchen, die Angreifer abzuwehren. Wertvolle Güter und Lebensmittel wurden innerhalb der Befestigungsanlagen gelagert.

Einige Kirchenburgen haben wir besichtigt: z.B. in Wolkendorf, Tartlau (Weltkulturerbe), Biertan (einstiger ev. Bischofsitz), Malmkrog und Mediasch.

Kirchenburg in Tartlau (Weltkulturerbe)

In Viscri (Deutsch-Weißkirch) ging es mit Pferdewagen derart durch wildes Gelände über Stock und Stein, so dass uns manchmal der Atem stockte. Aber wir erreichten die eindrucksvolle Kirchenburg unbeschadet.

Auf dem Weg zur Kirchenburg Deutsch-Weißkirch

Das  auf den Grundmauern einer einst romanischen Kirche erbaute Gotteshaus, wurde um  1500 zur Wehrkirche umgebaut. Die 7 Meter hohe Ringmauer aus dem frühen 16. Jh. wurde im Laufe des 17. Jh. mit bis heute erhaltenen Kampfhäusern, Wehrtürmen und Wehrgängen aufgerüstet. Der Innenraum der Kirche zeigt sich heute in einer schlichten Ausstattung mit einer Kassettendecke von 1743.
In Deutsch-Weißkirch erhält man durch das besonders gut und nahezu vollständig erhaltene Ensemble regionaltypischer ländlicher Architektur ein sehr authentisches Bild siebenbürgischer Dörfer zu Beginn des 19. Jh. Aufgrund des großen kulturhistorischen Wertes wurden der Dorfkern und die Kirchenburg im Jahr 1999 in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen.

Kirche und Dorfstraße in Viscri (Deutsch-Weißkirch)

 

Foto links: Roma-Familien-Schlosserei in Viscri – Foto rechts: Unser Gastgeber in Viscri

Unser Gastgeber berichtete vom wirtschaftlichen Aufschwung, den das Dorf durch den Eintrag in die Liste des Weltkulturerbes genommen hat: Viele Gäste kommen, obwohl das Dorf so gut wie keine zusätzliche Werbung mache. Hilfreich sei auch Rumäniens Mitgliedschaft in der EU, weil gute Kontakte zu den EU-Partnergemeinden entstanden sind. Im Dorf gäbe es eine gute Gemeinschaft und Zusammenarbeit zwischen Deutschstämmigen, Rumänen und Roma.

Ein schönes Erlebnis war auch der Besuch der Kirchenburg in Meschen. Ganz besonders die Verköstigung in dem intakten Speckturm der Kirchenburg! Solche Türme eigneten sich früher wegen des dicken,  kühlen Mauerwerks und der guten Belüftung durch die Schießscharten recht gut als Kühlraum zur Lagerung von Wurst, Fleisch und Speck.

Die Kirchenburg in Meschen wird von Mariana Rempler gemanagt. Nach einem familiären Schicksalsschlag führte ihr Weg nach der Wende zunächst auch in die Bundesrepublik. Nach einigen Jahren kehrte sie aber gerne wieder in die Siebenbürger Heimat zurück. Heute führt sie die Gäste durch die Meschener Kirche und die Wehranlagen und erzählt viele Geschichten über diesen geschichtsträchtigen Ort. Gemeinsam mit ihrem Sohn füllt sie den Speckturm mit selbstgemachten Produkten: selbst gezogene Schweine werden geschlachtet und zu den ausgehängten Köstlichkeiten verarbeitet. Der selbstgebrannte Obstler darf natürlich nicht fehlen.

Im Speckturm der Kirchenburg Meschen / Mariana Rempler

Wir konnten übrigens im Meschener Speckturm auch eine Siebenbürger Spezialität probieren, die wir schon in Hermannstadt auf einer Speisekarte fanden: „Evangelischer Speck“ ist ein beliebter Brotaufstrich der Siebenbürger Sachsen. Speck, Zwiebel und hart gekochtes Ei werden abwechselnd durch den Fleischwolf gedreht und je nach Geschmack mit Salz, Pfeffer, frischen Kräutern und Paprika verfeinert.  Klar, dass ein Gläschen Obstler beim Verdauen hilft.

Eine andere Siebenbürger Spezialität durften wir u.a in Wolkendorf probieren: Siebenbürger Baumstriezel, der oft auf dem offenen Holzkohlengrill gebacken wird.

Siebenbürger Baumstriezel

Ein zusammenfassender Blick auf die Geschichte Siebenbürgens und auch auf viele Eindrücke, die wir während unserer Reise sammeln konnten, ergab sich am letzten Tag beim Besuch des Teutsch-Hauses in Sibiu. Im „Begegnungs- und Kulturzentrum Friedrich Teutsch“ sind das Zentralarchiv der evangelischen Kirche mit Archivbibliothek und das Landeskirchliche Museum untergebracht.

Teutschhaus in Sibiu

Anna Wenzel hatte uns unterwegs schon von der sprichwörtlichen Siebenbürger Nachbarschaftshilfe erzählt. Im Teutschhaus – Museum konnten wir dann sehen, mit welchen Hilfsmitteln die Verabredungen der Nachbarn zur gegenseitigen Hilfe organisiert wurden:

Siebenbürger Nachbarschaftshilfe

Schließlich wurden wir vor unserem Rückflug noch Zeugen des EU-Gipfels: Die Staats- und Regierungschefs der EU  trafen sich  in Sibiu zur Tagung des Europäischen Rates. Wir  konnten die EU-Politiker aus nächster Nähe sehen.

Foto links: Angela Merkel – Foto rechts: Klaus Johannis
(Rumänischer Präsident)

Insgesamt eine anregende Reise in eine sich radikal verändernde Welt, in der es um Aufbauen und Absterben, Überleben und Beleben – vor allem aber um Kreativität und Mut geht.

Klaus Knoche