{"id":2991,"date":"2015-03-13T19:50:39","date_gmt":"2015-03-13T17:50:39","guid":{"rendered":"http:\/\/ev-kirche-seeheim-malchen.de\/?page_id=2991"},"modified":"2023-03-02T20:31:34","modified_gmt":"2023-03-02T19:31:34","slug":"pfarrer-georg-reith-eine-familie-im-widerstand","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/ev-kirche-seeheim-malchen.de\/?page_id=2991","title":{"rendered":"Pfarrer Georg Reith &#8211; eine Familie im Widerstand"},"content":{"rendered":"<!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-2991-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/ev-kirche-seeheim-malchen.de\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/QR001-Familie-Reith.mp3?_=1\" \/><a href=\"https:\/\/ev-kirche-seeheim-malchen.de\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/QR001-Familie-Reith.mp3\">https:\/\/ev-kirche-seeheim-malchen.de\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/QR001-Familie-Reith.mp3<\/a><\/audio>\n<div id=\"attachment_2993\" style=\"width: 345px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-2993\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-2993\" src=\"https:\/\/ev-kirche-seeheim-malchen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/reith_1.png\" alt=\"\" width=\"335\" height=\"499\" srcset=\"https:\/\/ev-kirche-seeheim-malchen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/reith_1.png 335w, https:\/\/ev-kirche-seeheim-malchen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/reith_1-201x300.png 201w\" sizes=\"(max-width: 335px) 100vw, 335px\" \/><p id=\"caption-attachment-2993\" class=\"wp-caption-text\">Georg Reith<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der mutige Seeheimer Pfarrer Georg Reith leistete gemeinsam mit seiner Frau und seinen Kindern Widerstand gegen den Nationalsozialismus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am 30. November 2014 j\u00e4hrte sich sein Todestag zum 50. Mal. Die ev. Kirchengemeinde von Seeheim und Malchen nahm diesen Termin zum Anlass, um an die Familie Reith zu erinnern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Georg Reith wurde am 6.2.1887 in W\u00f6rrstadt bei Mainz als \u00e4ltester Sohn des Landwirts und Kirchenpflegers Georg Reith geboren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00dcber seine Mutter wissen wir wenig. Sie soll eine fromme, stille Frau gewesen sein. Obwohl ihm als Erstgeborenen die Anwartschaft auf den gro\u00dfen Erbhof zugestanden h\u00e4tte, verzichtete er zugunsten des j\u00fcngeren Bruders und studierte Theologie in Gie\u00dfen, Halle und Berlin.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Danach trat er ins Predigerseminar Friedberg ein und legte 1912 vor der Kirchenbeh\u00f6rde in Darmstadt sein zweites Examen ab. Im Dezember 1913 heiratete er Katharina Bott.<\/p>\n<div id=\"attachment_2995\" style=\"width: 206px\" class=\"wp-caption alignright\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-2995\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-2995\" src=\"https:\/\/ev-kirche-seeheim-malchen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/reith_2-196x300.png\" alt=\"Katharina Bott\" width=\"196\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/ev-kirche-seeheim-malchen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/reith_2-196x300.png 196w, https:\/\/ev-kirche-seeheim-malchen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/reith_2.png 324w\" sizes=\"(max-width: 196px) 100vw, 196px\" \/><p id=\"caption-attachment-2995\" class=\"wp-caption-text\">Katharina Bott<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die beiden kannten sich schon mindestens zehn Jahre und pflegten in dieser Zeit einen lebhaften Briefwechsel.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Katharina Bott war ausgebildete Krankenschwester. Ihre erste Stelle bekam sie in Reiths Geburtsort W\u00f6rstatt. Ihr Gehalt musste Katharina Bott bei Georgs Vater, dem Kirchenrechner Reith abholen. Bei einem dieser Besuche lernte sie auch den Sohn des Bauern kennen. Georg und K\u00e4the wurden ein Paar.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach der Hochzeit zogen die jungen Leute zun\u00e4chst nach\u00a0 Sprendlingen-Buchschlag, wo Reith als Pfarrassistent in der Villenkolonie Buchschlag eine eigene, ganz neue\u00a0 Pfarrei aufbauen sollte. Die Arbeit in diesem mond\u00e4nen Villenviertel erwies sich als schwierig und f\u00fcr Reith nicht passend. Tochter Renate formulierte sp\u00e4ter: Unser Vater war kein Salonl\u00f6we, wie man ihn in Buchschlag erwartete.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bereits 1914 \u00fcbernahm Georg Reith eine neue\u00a0 Aufgabe, die ihm sehr viel mehr lag.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er wurde Dorfpfarrer\u00a0 in dem damals kleinen \u00d6rtchen Hartershausen bei Schlitz im hessischen Vogelsbergkreis.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In diesem \u00fcberschaubaren, in jeder Beziehung l\u00e4ndlichen\u00a0 Dorf blieben sie 10 Jahre. Zum ersten Mal bewohnten sie ein Pfarrhaus.<\/p>\n<div id=\"attachment_2996\" style=\"width: 201px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-2996\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-2996\" src=\"https:\/\/ev-kirche-seeheim-malchen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/reith_3-191x300.png\" alt=\"Nikolaikirche Hartershausen \" width=\"191\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/ev-kirche-seeheim-malchen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/reith_3-191x300.png 191w, https:\/\/ev-kirche-seeheim-malchen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/reith_3.png 293w\" sizes=\"(max-width: 191px) 100vw, 191px\" \/><p id=\"caption-attachment-2996\" class=\"wp-caption-text\">Nikolaikirche Hartershausen<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Lebensverh\u00e4ltnisse in Hartershausen waren extrem einfach und arm, die Verkehrswege unerschlossen. Es gab keinen B\u00e4cker, keinen Kr\u00e4mer, kein elektrisches Licht. Das Wasser musste 50 Treppen hochgetragen werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Georg und K\u00e4the mussten neben der Pfarrei vier Morgen Land und vier G\u00e4rten bewirtschaften. Dazu waren H\u00fchner, G\u00e4nse, Kaninchen, Ziegen und Schweine zu versorgen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wieviel mehr dieser Arbeit an K\u00e4the h\u00e4ngen blieb, kann man sich vorstellen: Denn Georg Reith war gleichzeitig Pfarrer, B\u00fcrgermeister, Lehrer, Festveranstalter, Theaterdirektor, Buchh\u00e4ndler, Fortbildner, Apotheker, alles in einem.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In Hartershausen begann sicherlich die Selbstausbeutung der jungen Pfarrfrau. Hier\u00a0 versorgte sie Kirchengemeinde und Landwirtschaft, betreute Einsame, Alte, gab der Jugend im Pfarrhaus ein Zuhause.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In dem kleinen Dorf war die Pfarrfrau gleichzeitig Krankenschwester und Hebamme. Die Kranken suchten zuerst sie auf: Der Weg zu den \u00fcberlasteten \u00c4rzten war weit und die Verkehrsanbindung schwierig. T\u00e4glich kamen Patienten zum Verbinden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als Dank f\u00fcr erwiesene Krankenpflege und Pfarrdienste schwamm das Pfarrhaus in Eiern, Butter, Milch und Wurstsuppe.<\/p>\n<div id=\"attachment_2997\" style=\"width: 761px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-2997\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-2997 size-full\" src=\"https:\/\/ev-kirche-seeheim-malchen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/reith_4.png\" alt=\"Kinder der Familie Reith\" width=\"751\" height=\"563\" srcset=\"https:\/\/ev-kirche-seeheim-malchen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/reith_4.png 751w, https:\/\/ev-kirche-seeheim-malchen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/reith_4-300x224.png 300w\" sizes=\"(max-width: 751px) 100vw, 751px\" \/><p id=\"caption-attachment-2997\" class=\"wp-caption-text\">Kinder der Familie Reith<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und hier wurden auch ihre f\u00fcnf Kinder geboren: Reinhard 1915, Ruth 1916, Anneliese 1917, Ekkhard 1919 und Mechtild 1922.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Reinhard, Ruth und Anneliese waren Kriegskinder. K\u00e4the Reith konnte sich nicht nur um ihre kleinen Kinder k\u00fcmmern, denn in das Pfarrhaus wurden im ersten Weltkrieg Fl\u00fcchtlinge aus dem Ruhrgebiet einquartiert, weil dort das Essen knapp war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fr\u00fch aufstehen war notwendig, um all den Aufgaben gerecht zu werden. K\u00e4the f\u00fchrte im Dorf die neue Technik des Einweckens von Gem\u00fcse, Obst und Fleisch ein und unterwies darin auch die Bauersfrauen. Man sah die Pfarrfrau auf den Feldern beim Kartoffeln- und R\u00fcbenhacken und selbst als Tier\u00e4rztin war sie gefragt. F\u00fcr die Kinder war die l\u00e4ndliche Stille, die Umgebung von Wasser, Wald und Wiese ein Paradies. Allerdings mangelte es an weiterf\u00fchrenden Schulen.<\/p>\n<div id=\"attachment_3000\" style=\"width: 209px\" class=\"wp-caption alignright\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-3000\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-3000\" src=\"https:\/\/ev-kirche-seeheim-malchen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/reith_5-199x300.png\" alt=\"Ev. Stadtkirche Bad Wimpfen\" width=\"199\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/ev-kirche-seeheim-malchen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/reith_5-199x300.png 199w, https:\/\/ev-kirche-seeheim-malchen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/reith_5.png 225w\" sizes=\"(max-width: 199px) 100vw, 199px\" \/><p id=\"caption-attachment-3000\" class=\"wp-caption-text\">Ev. Stadtkirche Bad Wimpfen<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Deshalb verlie\u00df die Familie Reith 1925 das Dorf Hartershausen und zog nach Bad Wimpfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der kleinen damals noch zu Hessen geh\u00f6renden Kurstadt am Neckar gab es eine Realschule. Die Kinder von K\u00e4the und Georg Reith konnten in der N\u00e4he ein Gymnasium besuchen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend des Umzuges erkrankte der \u00e4lteste Sohn Reinhard an Diphterie und starb \u2013 nur 10 Jahre alt \u2013 1925 an den Folgen dieser Krankheit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Mutter verkraftete den Tod ihres Sohnes kaum und litt lebenslang unter diesem Verlust. Sie zog sich eine schwere Nierenbeckenentz\u00fcndung zu und musste viele Wochen in der Klinik verbringen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">K\u00e4the war noch krank und nicht zu Kr\u00e4ften gekommen, als am 23.6.1926 ihr sechstes Kind Renate geboren wurde. Die Geburt war \u00e4u\u00dferst schwer und die Familie bangte um das Leben von Mutter und Kind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als Renate unter gro\u00dfen Schmerzen geboren war, hielt man sie zun\u00e4chst f\u00fcr tot. Dass am Ende Mutter und Kind \u00fcberlebten, wurde als doppeltes Wunder angesehen. Die geschw\u00e4chte Mutter konnte den S\u00e4ugling nicht selbst versorgen und musste sich wochenlang in einer Klinik in Heilbronn behandeln lassen. Erst Monate sp\u00e4ter hatte sie sich soweit erholt, dass sie ihren Dienst in der Gemeinde wieder aufnehmen konnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In Bad Wimpfen zeigte sich auch das vorzeitige Wetterleuchten des 3. Reiches. Georg Reith machte zum ersten Mal Bekanntschaft mit der NS-Ideologie: Es gab Anfeindungen durch zwei v\u00f6lkische Studienr\u00e4te und be\u00e4ngstigende SA-M\u00e4rsche. Entsprechend aufmerksam nahm er von Beginn an die Ereignisse des 3. Reiches zur Kenntnis.<\/p>\n<div id=\"attachment_3001\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-3001\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-3001\" src=\"https:\/\/ev-kirche-seeheim-malchen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/reith_6-300x185.png\" alt=\"Ehemaliges ev. Pfarrhaus in der Villastra\u00dfe in Seeheim\" width=\"300\" height=\"185\" srcset=\"https:\/\/ev-kirche-seeheim-malchen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/reith_6-300x185.png 300w, https:\/\/ev-kirche-seeheim-malchen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/reith_6.png 486w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><p id=\"caption-attachment-3001\" class=\"wp-caption-text\">Ehemaliges ev. Pfarrhaus in der Villastra\u00dfe in Seeheim<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">1932 zog Georg Reith &#8211; 45 Jahre alt &#8211; mit seiner Frau und f\u00fcnf Kindern in das Pfarrhaus in der Villastra\u00dfe in Seeheim ein. Tochter Ruth war 16, Anneliese 15, Ekkard 13, Mechtild 10 und Renate 6 Jahre alt. Seine Pfarrstelle in Seeheim trat er am 27. Januar 1932 an.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr die Kinder war es das sch\u00f6nste Pfarrhaus, das die Familie je erlebt hatte: eine Villa, die Frau Goldschmidt einst der Kirchengemeinde geschenkt hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Frau Goldschmidt und Frau von Buri, eine ehemalige Botschafterfrau, freundeten sich mit den Reiths an.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Kinder hatten bei \u201eTante Buri\u201c Anstandsunterricht. Staunend nahmen sie zur Kenntnis, wie viel Besteck beim Essen bei den Buris um die Teller herumlag, wie kostbar das Porzellan und wie merkw\u00fcrdig die silbernen Wasserschalen f\u00fcr die Finger waren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sp\u00e4ter erinnerten sich die Kinder aber auch daran, dass das Haushaltsbudget im Pfarrhaus schmal war. Die Mutter verwahrte das Geld in einer Schublade, fand f\u00fcr den Schl\u00fcssel immer ein anderes Versteck, was zur Folge hatte, das sie ihn h\u00e4ufig suchte. Oft tauchten unbezahlte B\u00fccherrechnungen des Vaters auf. Um das Haushaltsgeld aufzubessern, nahm die Pfarrfrau junge Ausl\u00e4nder auf, die Deutsch lernen wollten und G\u00e4ste aus dem in der N\u00e4he liegenden Hotel Hufnagel, die auch mit Fr\u00fchst\u00fcck versorgt wurden. Die Kinder putzten f\u00fcr die G\u00e4ste die Schuhe, bewunderten die wunderbaren Gebilde und probierten sie heimlich an.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine Familie, ein Pfarrhaus, wie es sch\u00f6ner nicht sein konnte, so schreibt Renate, die j\u00fcngste Tochter sp\u00e4ter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch bald begann die Zeit des Nationalsozialismus, eine Zeit die auch f\u00fcr die Familie Reith sehr schwer werden sollte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nachdem Hitler am 30.1.1933 zum Reichskanzler gew\u00e4hlt wurde, ver\u00e4nderten sich die Verh\u00e4ltnisse in Deutschland schnell. Bereits am 24.M\u00e4rz 1933 hebelte das Erm\u00e4chtigungsgesetz die Verfassung aus und r\u00e4umte der NS-Regierung unbegrenzte Macht ein. Acht Tage sp\u00e4ter erfolgte am 1.April 1933 der Boykottaufruf gegen j\u00fcdische Gesch\u00e4fte, j\u00fcdische \u00c4rzte und j\u00fcdische Anw\u00e4lte. Ab dem 10. Mai 1933 brannten in Deutschland die B\u00fccher \u2013 auch vor dem Jugendstilbad in Darmstadt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Menschen in Seeheim nahmen die Gefahr nicht gen\u00fcgend zur Kenntnis. Im Gegenteil: Stra\u00dfennamen \u00e4nderten sich: die heutige Schulstra\u00dfe wurde pl\u00f6tzlich SA-Stra\u00dfe, die heutige Alte Bergstra\u00dfe hie\u00df Horst Wesselstra\u00dfe. Hitler wurde Ehrenb\u00fcrger Seeheims und Pl\u00e4tze in Jugenheim und Seeheim erhielten seinen Namen. Im Jugenheimer Schwimmbad waren Juden unerw\u00fcnscht und j\u00fcdische B\u00fcrger aus Seeheim, Jugenheim und Umgebung standen unter Polizeiaufsicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der ev. Kirche Deutschlands \u00e4nderten sich ebenfalls die Verh\u00e4ltnisse. Nach der Machtergreifung wollte Hitler, dass sich die Kirchen auf die nationalsozialistische Weltanschauung ausrichteten.\u00a0\u00a0 Innerhalb der ev. Kirche bildete sich die Gruppierung der sogenannten Deutschen Christen, die die NS-Ideologie in den Gemeinden durchzusetzen wollten. Die Deutschen Christen waren streng nach dem F\u00fchrerprinzip organisiert, bekannten sich zu einem sog. positiven Christentum, wie es im NSDAP-Parteiprogramm propagiert wurde. F\u00fcr die Mitgliedschaft forderten sie Rassenreinheit, von der Kirche erwarteten sie die Losl\u00f6sung von den j\u00fcdischen Wurzeln.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am 23. Juli 1933 sollten in allen bis dahin noch bestehenden Landeskirchen Synodalwahlen stattfinden, aber nur mit einer von der NSDAP vorgegebenen Einheitsliste der &#8222;Deutschen Christen&#8220; und ihrer Sympathisanten. Die Deutschen Christen erreichten eine Zweidrittelmehrheit &#8211; auch wenn in Darmstadt diese Landessynodalenwahl vorerst am Widerstand ihrer Gegner scheiterte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Deutschen Christen besetzten jetzt alle wichtigen \u00c4mter in der Kirche. Zum Reichsbischof w\u00e4hlten sie Ludwig M\u00fcller, der vorher Hitlers Bevollm\u00e4chtigter war. Damit war die Kirche weitgehend gleichgeschaltet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ideologisch untermauert wurden die Nationalsozialisten und die Deutschen Christen von der Theorie, die Alfred Rosenberg in einem sehr einflussreichen und auflagenstarken Buch mit dem Titel \u201eDer Mythus des 20. Jahrhunderts\u201c ver\u00f6ffentlicht hatte. Rosenberg stellt das teuflische Judentum der von Gott geadelten nordischen Rassenseele gegen\u00fcber. Er fordert, dass Ehen und Geschlechtsverkehr zwischen Ariern und Juden unter Todesstrafe gestellt werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im September 1933 wollten die Deutschen Christen den f\u00fcr Beamte geltenden Arierparagraphen auch f\u00fcr Kirchen\u00e4mter einf\u00fchren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als Reaktion auf diese ungeheuerlichen Ma\u00dfnahmen rief Pfarrer Martin Niem\u00f6ller den Pfarrernotbund ins Leben, aus dem im Mai 1934 die Bekennende Kirche hervorging.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Barmer Erkl\u00e4rung verurteilte die Bekennende Kirche die NS-Ideologie und die Lehren der Deutschen Christen, kennzeichnete sie als unchristliche Irrlehren und setzte sich gegen staatliche \u00dcbergriffe auf das christliche Glaubensbekenntnis zur Wehr.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie schuf sich eigene Leitungs- und Verwaltungsstrukturen und grenzte ihre Organisation von deutsch-christlich gef\u00fchrten Landeskirchen ab. Zahlreiche Pfarrer verlie\u00dfen die Deutschen Christen, so wurde z.B. die W\u00fcrttembergische Landeskirche von der Bekennenden Kirche geleitet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch in Hessen hatte die Bekennende Kirche unter den Pfarrern zahlreiche Anh\u00e4nger.\u00a0Einer davon war Pfarrer Reith. Er nahm auf Grund seiner Erfahrungen in Bad Wimpfen die Entwicklung in Seeheim \u00e4u\u00dferst wachsam wahr.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In seiner Karfreitagspredigt, die er am 14. April 1933 \u2013 also nur wenige Tage nach der Machtergreifung Hitlers hielt, erkl\u00e4rte er der Gemeinde in der Laurentiuskirche den Unterschied zwischen Hakenkreuz und Christenkreuz. Er sagte u.a. folgende S\u00e4tze:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_3003\" style=\"width: 761px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-3003\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-3003\" src=\"https:\/\/ev-kirche-seeheim-malchen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/reith_7.png\" alt=\"Karfreitagpredigt April 1933\" width=\"751\" height=\"563\" srcset=\"https:\/\/ev-kirche-seeheim-malchen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/reith_7.png 751w, https:\/\/ev-kirche-seeheim-malchen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/reith_7-300x224.png 300w\" sizes=\"(max-width: 751px) 100vw, 751px\" \/><p id=\"caption-attachment-3003\" class=\"wp-caption-text\">Karfreitagpredigt April 1933<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hier zeigte sich schon sehr fr\u00fch, wie weitsichtig Reith die Lage beurteilte und wie mutig er seine Meinung vertrat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Offenbar wurde der Pfarrer bei den Nazis angeschw\u00e4rzt, denn\u00a0\u00a0 unmittelbar nach der Predigt zitierte man ihn vor den Kreisrat in Bensheim. Georg Reith wurde von den Nazis zum ersten Mal verwarnt. Von diesem Zeitpunkt an standen Hausdurchsuchungen und Schikanen auf der Tagesordnung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Hitlerjugend demonstrierte zum Pfarrhaus und zur Kirche. Sp\u00e4ter marschierte der Nazi-Mob vor das Gemeindehaus und forderte die Herausgabe der M\u00f6bel.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Pfarrer Reith war den Nazis von Anfang an ein Dorn im Auge, weil er sich gegen die Deutschen Christen und f\u00fcr die Bekennende Kirche entschieden hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im M\u00e4rz 1935 erschienen der Kreisdirektor, ein Polizeikommissar und ein Gendarmerie- Wachtmeister im Pfarrhaus und forderten Georg Reith auf, zu unterschreiben, dass er eine Erkl\u00e4rung der Bekennenden Kirche in der Sonntagspredigt nicht verlesen w\u00fcrde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In dieser Erkl\u00e4rung wollten die Pfarrer der Bekennenden Kirche gegen die rassistischen Thesen Alfred Rosenbergs protestieren. Pfarrer Reith verweigerte die Unterschrift, denn er fand die Erkl\u00e4rung weder staatsfeindlich noch gesetzeswidrig. Dabei berief er sich auf sein Ordinationsgel\u00fcbde, das keinen Eingriff in den Raum der Kirche dulde. Daraufhin wurde Pfarrer Reith zum ersten Mal verhaftet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In seinem Lebenslauf schreibt er sp\u00e4ter, dass er sich von seiner Familie verabschiedete und sie noch gemeinsam das Lied \u201eein feste Burg ist unser Gott\u201c sangen. Danach wurde er von den drei Herren im Auto zur Schutzhaft nach Bensheim abtransportiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weil alleine in Hessen 287 Pfarrer der Bekennenden Kirche an diesem konkreten Widerstand beteiligt waren, mussten die Nazis nachgeben: Noch am selben Abend wurde der Pfarrer wieder entlassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese hohe Zahl der aktiven Mitglieder der Bekennenden Kirche allein in Hessen ist bemerkenswert. Die Kirche war nicht restlos gleichgeschaltet.<\/p>\n<div id=\"attachment_3005\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-3005\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-3005\" src=\"https:\/\/ev-kirche-seeheim-malchen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/reith_8-300x258.png\" alt=\"Ev. Laurentiuskirche in Seeheim\" width=\"300\" height=\"258\" srcset=\"https:\/\/ev-kirche-seeheim-malchen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/reith_8-300x258.png 300w, https:\/\/ev-kirche-seeheim-malchen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/reith_8.png 552w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><p id=\"caption-attachment-3005\" class=\"wp-caption-text\">Ev. Laurentiuskirche in Seeheim<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Georg Reith lie\u00df sich durch die Verhaftung nicht einsch\u00fcchtern und blieb beharrlich bei seiner Haltung gegen die NS-Ideologie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In den Predigten verweigerte er das vorgeschriebene Gebet f\u00fcr den F\u00fchrer und das Glorifizieren der Partei. Standhaft gr\u00fc\u00dfte er oft mit \u201eGr\u00fc\u00df Gott\u201c statt mit \u201eHeil Hitler\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er weigerte sich, den christlichen Kindergarten in seiner Gemeinde in einen Kindergarten der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV) zu verwandeln.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unterst\u00fctzt von Georg und K\u00e4the Reith nahmen ihre Kinder an dem Sonntagsdienst der HJ nicht teil. Ihr Sohn Eckhard trat sogar wegen der antichristlichen Propaganda aus der Hitlerjugend aus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach au\u00dfen hin gab die Partei noch vor, die Jugend zum Christentum zu erziehen. Pfarrer Reith erkannte, dass diese Versprechung Betrug waren, und fragte provozierend nach, ob er als Pfarrer diese Aufgabe in der Partei nicht \u00fcbernehmen k\u00f6nne. Er begr\u00fcndete diesen Antrag mit einem Lutherzitat: \u201cEin Christenmensch ist ein freier Herr aller Dinge und im Glauben niemand untertan.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Antrag wurde abgelehnt. Stattdessen veranlassten die Nazis, dass Georg Reith keinen Religionsunterricht mehr in der Schule geben durfte. Er f\u00fchrte ihn dann heimlich im Gemeindehaus durch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Auseinandersetzung mit der Partei eskalierte in der folgenden Zeit. Dies belastete die Familie erheblich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seine Sonntagspredigten wurden \u00fcberwacht \u2013 zeitweise sogar von einem 15-j\u00e4hrigen Jungen aus dem Umfeld des B\u00fcrgermeisters. Reith hat sich dies beim B\u00fcrgermeister ausdr\u00fccklich verbeten \u2013 ohne Erfolg.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am n\u00e4chsten Sonntag waren wieder zwei Spitzel im Gottesdienst. Reith forderte von der Kanzel diejenigen auf, die nicht gekommen waren, um Gottes Wort zu h\u00f6ren \u2013 sondern einen Verrat begehen wollten &#8211; von ihrem \u00fcblen Vorhaben zu lassen. Dieses Mal hatte er Erfolg: Die M\u00e4nner schrieben nicht weiter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenige Tage nach Kriegsausbruch am 1. September 1939 wurde Georg Reith noch im September zum zweiten Mal verhaftet. Unter Vorhaltung eines Revolvers und der Drohung ihn auf drei Schritte Entfernung nieder zu schie\u00dfen, wurde er in Schutzhaft genommen und in das Gef\u00e4ngnis am Runden Turm in Darmstadt gebracht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Nazis warfen ihm Versto\u00df gegen das sog. Heimt\u00fcckegesetz vor. Nach diesem Gesetz war es verboten, Zweifel an der Kriegsschuld der anderen L\u00e4nder zu \u00e4u\u00dfern. Was war geschehen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Pfarrer Reith war einer Saarl\u00e4nderin bei der Wohnungssuche behilflich. Sie klagte dar\u00fcber, wie der Herrgott so einen Krieg zulassen k\u00f6nne, nachdem der F\u00fchrer doch alles getan habe, um ihn zu verhindern. Reith erwiderte, Gott habe im J\u00fcngsten Gericht genug Gelegenheit, die wirklichen Urheber des Krieges zu offenbaren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Saarl\u00e4nderin, der sowohl Reith als auch seine Frau sehr behilflich gewesen waren, denunzierte den Pfarrer, worauf er verhaftet wurde.<\/p>\n<div id=\"attachment_3007\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/ev-kirche-seeheim-malchen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/reith_10.png\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-3007\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-3007 size-medium\" src=\"https:\/\/ev-kirche-seeheim-malchen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/reith_10-300x232.png\" alt=\"Skizze Gef\u00e4ngniszelle Darmstadt\" width=\"300\" height=\"232\" srcset=\"https:\/\/ev-kirche-seeheim-malchen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/reith_10-300x232.png 300w, https:\/\/ev-kirche-seeheim-malchen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/reith_10.png 585w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-3007\" class=\"wp-caption-text\">Skizze Gef\u00e4ngniszelle Darmstadt<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der wochenlangen Einzelhaft zeichnete Pfarrer Reith seine Zelle. Die Gestapo verh\u00f6rte ihn und versuchte mit aggressiven Methoden vergeblich, etwas aus ihm herauszupressen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ohne Verhandlung wurde der Pfarrer nach sechs Wochen Haft im Oktober 1939 stillschweigend entlassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seit 1935 erschien einmal pro Woche die Zeitung \u201eDas schwarze Korps\u201c. Jeder SS-Mann war verpflichtet, dieses NS-Kampfblatt zu lesen. Zun\u00e4chst hatten die Nazis versucht, die Kirchen zu integrieren.\u00a0\u00a0 Im Schwarzen Korps hetzten sie aber gegen Juden, Freimaurer und Kirchen. Gr\u00fcndonnerstag 1940 erschien in dieser Zeitung ein diffamierender Artikel gegen Pfarrer Reith. Man behauptete, Reith habe eine wehrkraftzersetzende Predigt an die Soldaten an der Front geschickt. Ein derartiger Vorwurf war f\u00fcr den Pfarrer \u00e4u\u00dferst gef\u00e4hrlich. Er\u00a0suchte den B\u00fcrgermeister und den Ortsgruppenleiter der NSDAP auf und erkl\u00e4rte eidesstattlich, dass er diese Predigt weder gehalten noch ins Feld geschickt habe. Trotz der eidesstattlichen Erkl\u00e4rung sollte Reith noch am Gr\u00fcndonnerstag verhaftet werden. Als ihn die Gestapo abholen wollte, griff K\u00e4the Reith ein: \u201eSeien Sie doch keine Unmenschen und lassen Sie meinen Mann noch unsere j\u00fcngste Tochter Renate am Osterdienstag konfirmieren.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am Osterdienstag &#8211; es war der 26.M\u00e4rz 1940 &#8211; hat Reith sein Gef\u00e4ngnisk\u00f6fferchen mit in die Sakristei genommen und wurde unmittelbar nach der kirchlichen Feier zum dritten Mal verhaftet und abgef\u00fchrt. Ohne rechtm\u00e4\u00dfige Anklage, ohne richterlichen Beschluss und ohne Lesestoff wurde der unbotm\u00e4\u00dfige Pfarrer in Einzelhaft isoliert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00fcrde er seine Familie jemals wiedersehen? Seine Frau und seine Kinder waren in gr\u00f6\u00dfter Sorge.<\/p>\n<div id=\"attachment_3009\" style=\"width: 218px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-3009\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-3009\" src=\"https:\/\/ev-kirche-seeheim-malchen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/reith_11-208x300.png\" alt=\"Anneliese Reith (3.9.1917 \u2013 14.10.1963)\" width=\"208\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/ev-kirche-seeheim-malchen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/reith_11-208x300.png 208w, https:\/\/ev-kirche-seeheim-malchen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/reith_11.png 380w\" sizes=\"(max-width: 208px) 100vw, 208px\" \/><p id=\"caption-attachment-3009\" class=\"wp-caption-text\">Anneliese Reith<br \/>(3.9.1917 \u2013 14.10.1963)<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seine 22-j\u00e4hrige Tochter Anneliese beriet sich mit ihren Freunden. Sie lief von Beh\u00f6rde zu Beh\u00f6rde, um ihrem Vater zu helfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schlie\u00dflich setzte sie einen ungew\u00f6hnlich mutigen Plan um. Sie schwang sich auf ihr Fahrrad, fuhr von Seeheim nach Hannover, um dort bei dem Au\u00dfenminister Ribbentrop vorzusprechen und f\u00fcr ihren Vater zu bitten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Minister war von dem mutigen jungen M\u00e4dchen derart beeindruckt, dass er die Entlassung Reiths in die Wege leitete.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er setzte sich mit dem zust\u00e4ndigen Gauleiter Jakob Sprenger in Verbindung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als Anneliese wieder in Seeheim war, wurde sie zu einem Treffen mit der Gestapo nach Darmstadt bestellt. Die Nazis er\u00f6ffneten ihr, dass ihr Vater entlassen w\u00fcrde, wenn er auf sein Pfarramt in Seeheim verzichtete und Ruhe g\u00e4be.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Reith wurde am 11. Mai 1940 von der Kirchenleitung in Hessen und Nassau entlassen. Dar\u00fcber hinaus bestellte ihn die GESTAPO ein und drohte: Er sei f\u00fcr den nationalsozialistischen Staat untragbar, m\u00fcsse seinen Widerstand einstellen und innerhalb von drei Tagen Hessen-Nassau verlassen, anderenfalls drohe ihm Gef\u00e4ngnis und KZ.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">K\u00f6rperlich ersch\u00f6pft und nervlich am Ende willigte Reith ein. Er verlie\u00df Hessen und versuchte, sich in einem von Diakonissen geleiteten Haus einer Freikirche in Langensteinbach zu erholen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr die Familie von Pfarrer Reith hatten diese Vorg\u00e4nge erhebliche Bedeutung: Mit der Entlassung aus dem Pfarrdienst stellte sich nicht nur die Frage, wie Frau und Kinder ohne Eink\u00fcnfte durchgebracht werden sollten. Selbstredend mussten die Reiths auch das Pfarrhaus r\u00e4umen und es drohte, dass sie auf der Stra\u00dfe standen. Wie sollte ein Umzug finanziert werden?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dazu kamen die Sorgen um Sohn Ekkard, der als Soldat an der Front k\u00e4mpfen musste.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es lastete ein gewaltiger Druck auf der Familie. Sowohl bei K\u00e4the als auch bei Georg Reith diagnostizierten die \u00c4rzte Herzprobleme.<\/p>\n<div id=\"attachment_3010\" style=\"width: 227px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/ev-kirche-seeheim-malchen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/reith_12.png\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-3010\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-3010\" src=\"https:\/\/ev-kirche-seeheim-malchen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/reith_12-217x300.png\" alt=\"Beschluss Ev. Landeskirche\" width=\"217\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/ev-kirche-seeheim-malchen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/reith_12-217x300.png 217w, https:\/\/ev-kirche-seeheim-malchen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/reith_12-743x1024.png 743w, https:\/\/ev-kirche-seeheim-malchen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/reith_12.png 829w\" sizes=\"(max-width: 217px) 100vw, 217px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-3010\" class=\"wp-caption-text\">Beschluss Ev. Landeskirche<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Pfarrer Reith bat die Kirchenleitung in Darmstadt um Unterst\u00fctzung. Diese sorgte daf\u00fcr, dass er seine Bez\u00fcge noch f\u00fcr Juni und Juli 1940 bekam.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In einem dienstlichen Schreiben vom Landeskirchenamt in Hessen Nassau wurde dem Pfarrer am 27. September 1940 mitgeteilt, dass er seine Stelle verliert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unterzeichnet hatte der Pr\u00e4sident des Landeskirchenamtes Kipper. Das Schreiben enthielt kein Wort des Dankes oder der Anerkennung. Die vorgesetzte Kirchen-Beh\u00f6rde setzte die Vorgaben des NS-Regimes k\u00fchl und kommentarlos um.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum Gl\u00fcck gab es aber auch ein funktionierendes Netzwerk der Bekennenden Kirche.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright size-medium wp-image-3011\" src=\"https:\/\/ev-kirche-seeheim-malchen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/reith_13-284x300.png\" alt=\"reith_13\" width=\"284\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/ev-kirche-seeheim-malchen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/reith_13-284x300.png 284w, https:\/\/ev-kirche-seeheim-malchen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/reith_13.png 469w\" sizes=\"(max-width: 284px) 100vw, 284px\" \/>Georg Reith war Mitglied im Landesbruderrat der Bekennenden Kirche in Hessen und Nassau und stellvertretender Vorsitzender dieser Gruppe auf Kreisebene. Der Bruderrat war ein weitgehend informelles Gremium zur kollegialen Leitung von evangelischen Kirchengemeinden oder Teilen von ihnen in der Bekennenden Kirche w\u00e4hrend des Kirchenkampfes in der Nazizeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Mitglied des Landesbruderrates wandte sich wenige Tage nach Reiths Entlassung am 22.Mai 1940 an den Landesbruderrat in W\u00fcrttemberg. In W\u00fcrttemberg war der Einfluss der Bekennenden Kirche deutlich st\u00e4rker als in Hessen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schlie\u00dflich gelang es, Pfarrer Reith bereits ab 10. Juli 1940 mit einer vorl\u00e4ufigen, zeitlich befristeten Beauftragung f\u00fcr eine Pfarrstelle in Heidenheim zu versorgen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Georg Reith konnte mit seiner Familie auf diese Weise fast drei Jahre in Heidenheim \u00fcberbr\u00fccken.<\/p>\n<div id=\"attachment_3012\" style=\"width: 306px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-3012\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-3012\" src=\"https:\/\/ev-kirche-seeheim-malchen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/reith_14-296x300.png\" alt=\"Ev. Clemenskirche in Oferdingen\" width=\"296\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/ev-kirche-seeheim-malchen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/reith_14-296x300.png 296w, https:\/\/ev-kirche-seeheim-malchen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/reith_14-60x60.png 60w, https:\/\/ev-kirche-seeheim-malchen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/reith_14.png 557w\" sizes=\"(max-width: 296px) 100vw, 296px\" \/><p id=\"caption-attachment-3012\" class=\"wp-caption-text\">Ev. Clemenskirche in Oferdingen<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">1943 kam Pfarrer Reith dann \u2013 wieder vernetzt mit dem Bruderrat der Bekennenden Kirche \u2013 nach Reutlingen-Oferdingen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieser Bruderrat entwickelte sich zu einer informellen Organisation von Pfarrern, die es sich zur Aufgabe machten, den von den Nazis verfolgten Menschen zu helfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nachdem klar war, dass der NS-Rassenwahn die Endl\u00f6sung und damit die Ermordung vieler Millionen Juden zum Ziel hatte, versuchten Mitglieder des Bruderrates, verfolgte Juden vor den Nazis zu verstecken und ihnen zur Flucht in die Schweiz zu verhelfen. Wir wissen inzwischen von 40 solcher Pfarrh\u00e4usern in W\u00fcrttemberg, in denen Pfarrerehe- paare der Bekennenden Kirche unter\u00a0h\u00f6chstem pers\u00f6nlichen Risiko und unter Einsatz ihres Lebens Juden versteckten und auf der Flucht begleiteten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Georg Reith beteiligte sich mutig an diesen Aktionen, obwohl er doch bereits mehrfach verhaftet und mit KZ bedroht worden war. Seine Tochter Renate schrieb sp\u00e4ter: \u201eEs begannen auch die n\u00e4chtlichen M\u00e4rsche mit Juden, die Vater einige Kilometer weiterbringen mu\u00dfte, damit sie eventuell die Schweiz erreichen konnten. Einem j\u00fcdischen Ehepaar gew\u00e4hrten wir f\u00fcr l\u00e4ngere Zeit Asyl, weil es besonders gef\u00e4hrdet war. Da der Tod auf solches Helfen stand, war die Angst immer gegenw\u00e4rtig.\u201c<\/p>\n<div id=\"attachment_3013\" style=\"width: 214px\" class=\"wp-caption alignright\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-3013\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-3013\" src=\"https:\/\/ev-kirche-seeheim-malchen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/reith_15-204x300.png\" alt=\"Lichter im Dunkel\" width=\"204\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/ev-kirche-seeheim-malchen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/reith_15-204x300.png 204w, https:\/\/ev-kirche-seeheim-malchen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/reith_15.png 412w\" sizes=\"(max-width: 204px) 100vw, 204px\" \/><p id=\"caption-attachment-3013\" class=\"wp-caption-text\">Lichter im Dunkel<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es handelte sich um das Ehepaar Max und Karoline Krakauer. Seit dem 29.1.1943 wurde das j\u00fcdische Ehepaar ausgehend von Berlin von Pfarrhaus zu Pfarrhaus geleitet. Es hatte am Abend des 8. August 1943 v\u00f6llig ersch\u00f6pft einen voll besetzten Zug im Stuttgarter Hauptbahnhof verlassen. Sie kamen ohne Ausweis. Eine verfallene Lebensmittelkarte mit dem Namen Ackermann war ihr einziges Identifikations-dokument.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie waren urspr\u00fcnglich aus Leipzig stammende Berliner Juden, die in der Hoffnung nach W\u00fcrttemberg kamen, hier untertauchen zu k\u00f6nnen. Ihr einziges Kind war nicht mehr bei Ihnen. Die Eltern hatten ihre Tochter nach Ausbruch des Krieges einem Kindertransport nach England \u00fcbergeben und so in Sicherheit gebracht. Vom Januar 1943 bis Mai 1945 wurden Max und Ines Krakauer in mehr als 60 H\u00e4usern versteckt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unterschlupf fanden sie bei Pfarrern, Apothekern, \u00c4rzten, Bauern und in einem Kinderheim.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vom 22. Nov. bis 1. Dez. 1944 hielten sie sich im Pfarrhaus Oferdingen bei Georg und K\u00e4the Reith versteckt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In seinem Buch \u00fcber ihre unglaubliche Flucht schreibt Max Krakauer 1975:<br \/>\n\u201eEin zweites Quartier im gleichen Ort war das Ergebnis weiterer Bem\u00fchungen des Apothekers. \u2026 Bei denkbar schlechtem Wetter, oft bei Nacht, war er f\u00fcr uns unterwegs gewesen und wollte uns nun pers\u00f6nlich auf Nebenstra\u00dfen und wieder \u00fcber die Felder nach Oferdingen bringen, zur Familie des Pfarrers Reith, die sich bereit erkl\u00e4rt hatte, uns f\u00fcr drei Tage aufzunehmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Pfarrer Reith geh\u00f6rte eigentlich nach Seeheim a.d. Bergstra\u00dfe, doch der zust\u00e4ndige Gauleiter Sprenger hatte ihn aus Hessen entfernt, und nun fand er, wie so viele andere aus dem Reiche, in W\u00fcrttemberg Zuflucht.<br \/>\nSelbst von Leid getroffen, hatte er besonders Verst\u00e4ndnis f\u00fcr andere in \u00e4hnlicher Lage, und bereits nach wenigen Minuten der Unterhaltung, erkl\u00e4rte er uns, es k\u00e4me gar nicht in Frage, da\u00df wir schon nach drei Tagen wieder weiterz\u00f6gen. Wir freuten uns dar\u00fcber, nicht nur f\u00fcr uns selbst, sondern auch f\u00fcr Pfarrer L., der trotz aller M\u00fchen noch keine weitere Bleibe f\u00fcr uns aufgetan hatte und so etwas Zeit bekam, mit seinem Fahrrad wieder von Urach aus \u00fcber Land zu fahren und zu suchen. Endlich fand er, wie er uns sagen lie\u00df, f\u00fcr einige Tage ein Asyl in Mittelstadt. Aus den beabsichtigten drei waren zehn Tage geworden, und die Familie Reith h\u00e4tte uns sicher noch l\u00e4nger behalten, wenn nicht ausgebombte Verwandte eingetroffen w\u00e4ren.\u201c<\/p>\n<div id=\"attachment_3015\" style=\"width: 610px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-3015\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-3015\" src=\"https:\/\/ev-kirche-seeheim-malchen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/reith_16.png\" alt=\"Hildegart Spieth \" width=\"600\" height=\"355\" srcset=\"https:\/\/ev-kirche-seeheim-malchen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/reith_16.png 750w, https:\/\/ev-kirche-seeheim-malchen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/reith_16-300x177.png 300w\" sizes=\"(max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><p id=\"caption-attachment-3015\" class=\"wp-caption-text\">Hildegart Spieth<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die letzten Kriegstage erlebten Max und Ines Krakauer im Pfarrhaus in Stetten. Die Pfarrfrau Hildegart Spieth hatte das Ehepaar bei sich aufgenommen. Als am 21.April 1945 die Amerikaner in Stetten einmarschierten, waren die Krakauers gerettet. Insgesamt waren sie 27 Monate auf der Flucht. 20 Monate wurden sie in W\u00fcrttemberg versteckt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von all den helfenden Pfarrern der Bekennenden Kirche, die das Ehepaar Krakauer vor den Nazis versteckt hatten, wurden bisher nur 11 in der Gedenkst\u00e4tte YAD VASHEM in Jerusalem geehrt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir haben uns darum bem\u00fcht, dass Pfarrer Reith auch unter die \u201eGerechten unter V\u00f6lkern\u201c in YAD VASHEM aufgenommen wird und 2013 einen entsprechenden Antrag bei der Israelischen Botschaft in Berlin gestellt. Unserem Antrag wurde leider nicht entsprochen, weil keiner der Zeitzeugen mehr lebt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach dem Zusammenbruch des 3. Reiches am 8. Mai 1945 nahm Georg Reith die Verbindung mit der Seeheimer Gemeinde und mit der neuen hessischen Kirchenleitung auf. In seinem Antrag an die Evg. Landeskirche in Hessen vom 13. Juli 1945 schrieb er:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201e(\u00a0\u00a0 ) So richte ich an die neue Kirchenregierung die Bitte um meine Rehabilitierung, d.h. die Wiedereinsetzung in meine alten Rechte als Hess. Pfarrer von Seeheim, zumal ich in keinem der drei Anklagef\u00e4lle schuldig gesprochen werden konnte, sondern der eigentliche Ausgangspunkt der Anklage das ausdr\u00fcckliche Eingest\u00e4ndnis war, dass, wo ich arbeitete, der Nationalsozialismus keinen rechten Boden fassen k\u00f6nne.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Antwort der hessischen Kirchenbeh\u00f6rde gab es Bedenken nicht politischer, sondern pers\u00f6nlicher und seelsorgerlicher Art gegen Reiths R\u00fcckkehr. Man stellte die Entscheidung dar\u00fcber aber in sein Ermessen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am 1. Sep. 1946 nahm Reith seinen Dienst als Pfarrer in Seeheim wieder auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In seinen Lebenserinnerungen schrieb er sp\u00e4ter, wie schwer jetzt die Arbeit war und wie sehr sich die Situation in Seeheim in den Jahren seiner Abwesenheit geh\u00e4ndert hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00dcber allem stand \u2013 so schreibt Pfarrer Reith &#8211; vielfache Nachkriegsnot:<br \/>\nDie ungeheure Not infolge der Katastrophe, die Ern\u00e4hrungsnot , die Wohnungsnot infolge der Fl\u00fcchtlinge, die Rechtsnot im Entnazifizierungsverfahren, die moralische Not und die religi\u00f6se Not , die die Menschen in diesen Zeiten an Gott irre werden lie\u00dfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dennoch war der Pfarrer tatkr\u00e4ftig wie eh und je, versah seinen Dienst uneingeschr\u00e4nkt, half den Menschen so gut er konnte. Es gelang ihm in all den Wirren sogar, noch 1946 die Seeheimer Volkshochschule zu gr\u00fcnden: Er wollte nicht nur die materielle, sondern auch die geistige Not bek\u00e4mpfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sp\u00e4ter gab er sich auch Rechenschaft dar\u00fcber, was ihn davor bewahrt hat, der Fehlentwicklung seines Volkes und dem Irrweg eines Teils seiner Kirche nicht zum Opfer zu fallen:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"aligncenter wp-image-3017\" src=\"https:\/\/ev-kirche-seeheim-malchen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/reith_17.png\" alt=\"reith_17\" width=\"650\" height=\"487\" srcset=\"https:\/\/ev-kirche-seeheim-malchen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/reith_17.png 751w, https:\/\/ev-kirche-seeheim-malchen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/reith_17-300x224.png 300w\" sizes=\"(max-width: 650px) 100vw, 650px\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach dem Tod seiner ersten Frau K\u00e4the im Jahre 1948 heiratete er 1949 Marie Lauckhard. Seine zweite Frau starb im Januar 1985 und wurde im Familiengrab hinter der Laurentiuskirche beerdigt<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Jahre 1952 wurde Georg Reith pensioniert und zog in die Karolinenstra\u00dfe. Ein Jahr vor seinem Tod &#8211; am 19.9.1963 &#8211; erhielt er im Seeheimer Rathaus das Bundesverdienstkreuz.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der damalige Landrat Kr\u00e4mer w\u00fcrdigte sein mutiges Verhalten w\u00e4hrend der NS-Zeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am 30. Nov. 1964 starb Pfarrer Reith.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sei<img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright size-full wp-image-3018\" src=\"https:\/\/ev-kirche-seeheim-malchen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/reith_18.png\" alt=\"reith_18\" width=\"277\" height=\"369\" srcset=\"https:\/\/ev-kirche-seeheim-malchen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/reith_18.png 277w, https:\/\/ev-kirche-seeheim-malchen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/reith_18-225x300.png 225w\" sizes=\"(max-width: 277px) 100vw, 277px\" \/>n Grab befindet sich noch heute auf dem Seeheimer Friedhof in der ersten Reihe hinter dem Chor der Kirche. Oben auf dem Grabstein ist das Wort \u201eDennoch\u201c gut lesbar wie auf einen Halbkreis gelegt. Georg Reith erinnert in seinen biographischen Aufzeichnungen an den 23. Vers des 73. Psalms:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u201eDennoch bleibe ich stets an dir; denn du h\u00e4ltst mich bei meiner rechten Hand. Du leitest mich nach deinem Rat und nimmst mich am Ende mit Ehren an.\u201c<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Dennoch des Glaubens und die Gewissheit der F\u00fchrung haben diesen Mann durch alle Spannungen, Bedr\u00e4ngnisse und Krisen geleitet.<\/p>\n<div id=\"attachment_556\" style=\"width: 410px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-556\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-556\" src=\"https:\/\/ev-kirche-seeheim-malchen.de\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/IMG_1851.jpeg\" alt=\"Pfarrer-Reith-Haus\" width=\"400\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/ev-kirche-seeheim-malchen.de\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/IMG_1851.jpeg 400w, https:\/\/ev-kirche-seeheim-malchen.de\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/IMG_1851-300x225.jpeg 300w\" sizes=\"(max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><p id=\"caption-attachment-556\" class=\"wp-caption-text\">Pfarrer-Reith-Haus<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">1992 erschien zur Einweihungsfeier des Pfarrer-Reith-Hauses Pfarrer Dr. Manfred Knodt, ein Patensohn Reiths.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er beschrieb in seiner Festansprache Georg Reith als seinen Lehrmeister und sein Vorbild. Er habe seinen Mitmenschen eine Wahrheit vorgelebt: \u201eUm andere zu entz\u00fcnden muss man selber gl\u00fchen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wichtig ist, noch einen Blick auf die Frau und die Kinder Georg Reiths zu werfen, darauf wie sie die schreckliche Zeit erlebt haben und welche f\u00fcrchterliche Folgen f\u00fcr ihr gesamtes weiteres Leben sich ergaben.<\/p>\n<div id=\"attachment_3021\" style=\"width: 213px\" class=\"wp-caption alignright\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-3021\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-3021\" src=\"https:\/\/ev-kirche-seeheim-malchen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/reith_20-203x300.png\" alt=\"K\u00e4the Reith\" width=\"203\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/ev-kirche-seeheim-malchen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/reith_20-203x300.png 203w, https:\/\/ev-kirche-seeheim-malchen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/reith_20.png 394w\" sizes=\"(max-width: 203px) 100vw, 203px\" \/><p id=\"caption-attachment-3021\" class=\"wp-caption-text\">K\u00e4the Reith<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Reith selbst hat die Situation wohl richtig eingesch\u00e4tzt, wenn er feststellte, dass er selbst die Schrecken der NS-Diktatur und des Krieges aufgrund seiner robusten, b\u00e4uerlichen Herkunft relativ gut \u00fcberstanden habe. Ganz anders erging es seiner Familie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">K\u00e4the Reith lebte als Pfarrfrau ohnehin am Limit: die aufwendige Gemeindearbeit, die f\u00fcnf Kinder, Nebenbesch\u00e4ftigungen als Krankenschwester und Landfrau, die ruhelosen, aufreibenden, riskanten, sie oft \u00fcberfordernden Aktivit\u00e4ten ihres Mannes: das alles belastete sie schwer und ging schlie\u00dflich \u00fcber ihre Kr\u00e4fte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Besonders schlimm waren die Zeiten der Gef\u00e4ngnisaufenthalte ihres Mannes. Nun f\u00fchlte sie sich f\u00fcr die Gemeinde verantwortlich, f\u00fchrte mit aller Kraft das Pfarrhaus weiter, leistete seelsorgerliche Arbeit und hielt die Familie zusammen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Tochter beschreibt sie als k\u00e4mpferische Natur, die sich nie schonte und ihren Mann in allen schwierigen Situationen unterst\u00fctzte. Diese enormen Belastungen und Spannungen griffen ihre Gesundheit an: In der Zeit der Denunziationen, Hausdurchsuchungen und Schikanen begannen schwere Angina- Pectoris-Anf\u00e4lle.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Obwohl nach 1945 Kriegszeit und Naziterror beendet waren, erholte sie sich nicht. Im Sommer 1948 verschlechterte sich ihr Zustand: Die Strapazen des anstrengenden Umzuges nach Seeheim, die von morgens bis abends anhaltenden Aufgaben f\u00fcr die Unterst\u00fctzung der\u00a0Gemeindemitglieder, die Anteilnahme an den Nachkriegssorgen und an dem Hunger der Menschen, vor allem aber die sich abzeichnende seelische Erkrankung der T\u00f6chter Anneliese und Ruth \u00fcberforderten sie. Die Herzanf\u00e4lle nahmen zu. Sie erlitt einen Schlaganfall und starb am 14.9.1948.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Kinder schreiben: Ein Leben war zu Ende gegangen, das sie in selbstloser Liebe und Hingabe f\u00fcr Familie und Gemeinde gelebt hat. Ihre Kraft war aufgebraucht, es blieb wahrlich kein Rest mehr.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">K\u00e4the Reith ist auf dem Seeheimer Friedhof neben ihrem Mann begraben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sohn Eckhard war ein aufgewecktes, fr\u00f6hliches Kind. Die Nazis nahmen ihm einen Teil seiner Kindheit und Jugend. Er weigerte sich, in der HJ mitzumachen, wurde eingezogen und kam an die Front.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als er von der Verhaftung seines Vaters h\u00f6rte, wollte er aus Stolz und Ehrgef\u00fchl zun\u00e4chst nicht bei den Nazis f\u00fcr dessen Freilassung bitten. Die Nazis hielt er in Briefen f\u00fcr bl\u00f6d, sie ben\u00e4hmen sich jeden Tag d\u00fcmmer.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWir m\u00fcssen\u201c \u2013 so schrieb er &#8211; \u201edie Belastungen ertragen.\u201c Und weiter: \u201eEin Nicht-gewachsensein gibt es nicht. Haltet aus. Denkt an Niem\u00f6ller!!\u201c Irgendwann entschied er sich um und schrieb einen Bittbrief f\u00fcr seinen Vater an die Gestapo.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eckhard wurde im Krieg durch einen Granatsplitter im Hinterkopf verletzt und geriet in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Wieder war es seine Schwester Anneliese, die sich mit Haut und Haar einsetzte. Sie erfuhr davon und es gelang ihr \u2013 dank ihrer guten Englischkenntnisse \u2013den Bruder zun\u00e4chst frei zu bekommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sp\u00e4ter verhafteten die Amerikaner Eckhard erneut und er blieb bis nach dem Krieg in Kriegsgefangenschaft. Nach 1945 wurde er auf Bitten seines inzwischen rehabilitierten Vaters freigelassen.<\/p>\n<div id=\"attachment_3023\" style=\"width: 660px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-3023\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-3023\" src=\"https:\/\/ev-kirche-seeheim-malchen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/reith_21.png\" alt=\"Eckard und Mechtild Reith\" width=\"650\" height=\"487\" srcset=\"https:\/\/ev-kirche-seeheim-malchen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/reith_21.png 685w, https:\/\/ev-kirche-seeheim-malchen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/reith_21-300x224.png 300w\" sizes=\"(max-width: 650px) 100vw, 650px\" \/><p id=\"caption-attachment-3023\" class=\"wp-caption-text\">Eckard und Mechtild Reith<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eckhard hat Medizin studiert, lebte in Birkenau und starb dort am 3. Juni 2011.\u00a0Begraben wurde er neben seinen Eltern in Seeheim.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch die besonders h\u00fcbsche Tochter Mechtild bekam die Folgen der Nazizeit zu sp\u00fcren. Seit ihrer Jugend litt sie an einer chronischen Migr\u00e4ne. In jungen Jahren verlor sie ihren Ehemann, der in Stalingrad fiel. Danach unterst\u00fctzte Mechtild ihre kranke Mutter und war bis zu ihrem Tod bei ihr. \u00dcber ihre inneren N\u00f6te, Empfindungen und Verzweiflung konnte sie nicht reden.<\/p>\n<div id=\"attachment_3024\" style=\"width: 660px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-3024\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-3024\" src=\"https:\/\/ev-kirche-seeheim-malchen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/reith_22.png\" alt=\"Anneliese und Ruth Reith\" width=\"650\" height=\"487\" srcset=\"https:\/\/ev-kirche-seeheim-malchen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/reith_22.png 751w, https:\/\/ev-kirche-seeheim-malchen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/reith_22-300x224.png 300w\" sizes=\"(max-width: 650px) 100vw, 650px\" \/><p id=\"caption-attachment-3024\" class=\"wp-caption-text\">Anneliese und Ruth Reith<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am meisten traumatisiert von den schrecklichen Ereignissen waren die T\u00f6chter Ruth und Anneliese. Ihre Schwester Renate fragt sp\u00e4ter: \u201e\u2026wieso wurden Ruth und Anneliese so krank?\u201c Die Folgen, die die schrecklichen Ereignisse f\u00fcr Ruth und Anneliese hatten, legten sich \u201ewie ein dunkler Schleier \u00fcber (die)\u2026Familie.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ruth war ein \u00fcberaus sensibles M\u00e4dchen. Als ihr Vater kurz vor ihrem Abitur zum ersten Mal verhaftet, von der Gestapo abgef\u00fchrt und mit einem Auto abtransportiert wurde, h\u00f6rten die Geschwister einen markersch\u00fctternden Schrei . Ruth war zusammengebrochen. Sie erholte sich von diesem Trauma nie. Aus den Dokumenten geht hervor, dass sie sehr intelligent und sprachbegabt war. Ein Studium oder eine Ausbildung war ihr in Folge der Traumatisierungen nicht m\u00f6glich. Damals waren Psychologie und Psychotherapie noch in den Kinderschuhen; dazu hatten die \u00c4rzte noch keine Medikamente f\u00fcr solche F\u00e4lle. Hilfe blieb aus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jahrelang \u00fcbernahm sie den Organistendienst in Oberbeerbach und stand dem Vater als Pfarramtssekret\u00e4rin zur Seite. Auch nach dem Tod des Vaters wechselte sie von einer Klinik in die andere, immer in der Hoffnung eine Linderung ihres Leidens zu finden. Ihr konnte nicht geholfen werden. Sie erholte sie sich nie mehr und starb am 23.9. 1980.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Anneliese, die zweite Tochter, setzte sich mit allen Kr\u00e4ften f\u00fcr die Familie ein. Sie war mit dem Fahrrad nach Hannover gefahren, um den Vater zu retten und sie war es, die half, ihren Bruder Eckhard aus der Kriegsgefangenschaft zu befreien.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Anneliese unterst\u00fctzte von Anfang an die Eltern in der Gemeindearbeit. Sie war sehr musikalisch, spielte ohne viel Unterricht Klavier, Orgel, Gitarre, Fl\u00f6te und Geige und engagierte sich als ausgebildete Gemeindehelferin und Katechetin in der Jugendarbeit im Dekanat Zwingenberg.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Kirchenkampf setzte sie sich mit allen Kr\u00e4ften f\u00fcr ihren Vater ein, rannte von Amt zu Amt und verhandelte mit der Gestapo. Der Kampf um den Vater hat sie restlos ausgebrannt. Nach Reiths Ausweisung aus Hessen erlitt sie 1940 einen Nervenzusammenbruch und musste in die Klinik.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Kliniken waren in der Nazizeit gef\u00fcrchtet, weil man nicht wusste, wie der Kranke eingestuft und ab wann er als \u201eunwertes Leben\u201c bezeichnet wurde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Nervenklinik T\u00fcbingen musste sie schreckliche Behandlungsmetoden \u00fcber sich ergehen lassen, die sie mehr zerst\u00f6rten als ihr halfen. Verzweifelt machte sie einen Selbstmordversuch, wurde aber noch rechtzeitig im Wald gefunden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie kam sp\u00e4ter in noch zwei andere Kliniken und erkrankte in Marburg zus\u00e4tzlich an Tuberkulose. Am 14.10. 1963 ist sie gestorben. Eine Mitpatientin, eine Prostituierte aus Frankfurt, hatte sie erschlagen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie hart muss dieser entsetzliche Schicksalsschlag ihren Vater \u2013 ein Jahr vor seinem Tode \u2013 getroffen haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ihre Schwester Renate schreibt sp\u00e4ter:<br \/>\n\u201eMenschen mit wachem Geist und empfindsamer Seele sind am meisten gef\u00e4hrdet. Die Selbstaufgabe und absolute Hingabe \u2026 scheint mir am gef\u00e4hrlichsten. Der totale Einsatz ist f\u00fcr uns alle Gift. Wir m\u00fcssen uns abgrenzen, unsere Natur und Kr\u00e4fte erkennen und danach leben lernen.\u201c<\/p>\n<div id=\"attachment_3025\" style=\"width: 208px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-3025\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-3025\" src=\"https:\/\/ev-kirche-seeheim-malchen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/reith_23-198x300.png\" alt=\"Renate Reith (1944)\" width=\"198\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/ev-kirche-seeheim-malchen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/reith_23-198x300.png 198w, https:\/\/ev-kirche-seeheim-malchen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/reith_23.png 236w\" sizes=\"(max-width: 198px) 100vw, 198px\" \/><p id=\"caption-attachment-3025\" class=\"wp-caption-text\">Renate Reith (1944)<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der j\u00fcngsten Tochter Renate verdanken wir die meisten Informationen \u00fcber die Familiengeschichte, weil sie ein kleines Buch \u00fcber das Leben ihrer Mutter verfasst hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00dcber sich selbst sagt sie:<br \/>\n\u201eF\u00fcr mich war es die h\u00e4rteste Aufgabe meines Lebens, die furchtbaren \u00c4ngste abzubauen und positive Gedanken zu pflegen. Noch 20 Jahre nach Vaters Verhaftungen fing ich an zu zittern, wenn es abends l\u00e4utete. Die Angst hatte sich in Leib und Seele gefressen. \u2026Durch all das Erlebte waren wir zu Au\u00dfenseitern geworden. \u2026 Die ganze Kraft der Jugend brauchte ich, um \u00fcberleben zu k\u00f6nnen. Kein Selbstwertgef\u00fchl konnte sich entwickeln unter solcher Atmosph\u00e4re von Verfolgung, Verachtung, Isolierung und dem Gef\u00fchl der Ausgeschlossenheit&#8230;Doch um so mehr \u2026(sch\u00e4tze ich) diejenigen, die zu uns hielten, die mit uns gemeinsam sangen: \u201eHerr wir stehen Hand in Hand\u201c, die mit uns das \u201eDennoch\u201c \u00fcbten.\u201c<\/p>\n<p>Renate Stegmaier (geb. Reith) lebte in Giengen\/Brenz, wo sie wohl 2013 verstarb.<\/p>\n<p>Im Seeheimer Pfarrhaus und sp\u00e4ter in seinem Haus in der Karolinenstra\u00dfe hatte Pfarrer Georg Reith einen kalligraphisch selbst gestalteten Spruch h\u00e4ngen:<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em><strong>Mit beiden F\u00fc\u00dfen mitten im Leben stehn,<br \/>\n<\/strong><\/em><em><strong>Hellen Auges Welt und Menschen ansehn,<br \/>\n<\/strong><\/em><em><strong>Das Sch\u00f6ne lieben, das Schwere nicht scheun,<br \/>\n<\/strong><\/em><em><strong>An Gl\u00fcck und Gaben tief innen sich freun,<br \/>\n<\/strong><\/em><em><strong>Nehmen mit Liebe, mit Liebe geben,<br \/>\n<\/strong><\/em><em><strong>Dem\u00fctig denken, starkherzig streben,<br \/>\n<\/strong><\/em><em><strong>Schaffen voll Wonne, sabbatstill ruhn,<br \/>\n<\/strong><\/em><em><strong>Die Pflicht als ein Freigeborener tun,<br \/>\n<\/strong><\/em><em><strong>Der Erde geh\u00f6ren mit Werktagsdenken,<br \/>\n<\/strong><\/em><em><strong>Die Seele allzeit ins Ewige senken \u2013<br \/>\n<\/strong><\/em><em><strong>Das nenn ich Leben.<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Ulla und Klaus Knoche<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der mutige Seeheimer Pfarrer Georg Reith leistete gemeinsam mit seiner Frau und seinen Kindern Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Am 30. November 2014 j\u00e4hrte sich sein Todestag zum 50. Mal. Die ev. Kirchengemeinde von Seeheim und Malchen nahm diesen Termin zum Anlass, um an die Familie Reith zu erinnern. Georg Reith<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":6,"menu_order":10,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"_themeisle_gutenberg_block_has_review":false,"_expiration-date-status":"","_expiration-date":0,"_expiration-date-type":"","_expiration-date-categories":[],"_expiration-date-options":[],"_links_to":"","_links_to_target":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/ev-kirche-seeheim-malchen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/2991"}],"collection":[{"href":"https:\/\/ev-kirche-seeheim-malchen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/ev-kirche-seeheim-malchen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ev-kirche-seeheim-malchen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ev-kirche-seeheim-malchen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2991"}],"version-history":[{"count":18,"href":"https:\/\/ev-kirche-seeheim-malchen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/2991\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":12192,"href":"https:\/\/ev-kirche-seeheim-malchen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/2991\/revisions\/12192"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ev-kirche-seeheim-malchen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/6"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/ev-kirche-seeheim-malchen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2991"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}