Pfarrer Georg Reith – eine Familie im Widerstand

Georg Reith

Georg Reith

Der mutige Seeheimer Pfarrer Georg Reith leistete gemeinsam mit seiner Frau und seinen Kindern Widerstand gegen den Nationalsozialismus.

Am 30. November 2014 jährte sich sein Todestag zum 50. Mal. Die ev. Kirchengemeinde von Seeheim und Malchen nahm diesen Termin zum Anlass, um an die Familie Reith zu erinnern.

Georg Reith wurde am 6.2.1887 in Wörrstadt bei Mainz als ältester Sohn des Landwirts und Kirchenpflegers Georg Reith geboren.

Über seine Mutter wissen wir wenig. Sie soll eine fromme, stille Frau gewesen sein. Obwohl ihm als Erstgeborenen die Anwartschaft auf den großen Erbhof zugestanden hätte, verzichtete er zugunsten des jüngeren Bruders und studierte Theologie in Gießen, Halle und Berlin.

Danach trat er ins Predigerseminar Friedberg ein und legte 1912 vor der Kirchenbehörde in Darmstadt sein zweites Examen ab. Im Dezember 1913 heiratete er Katharina Bott.

Katharina Bott

Katharina Bott

Die beiden kannten sich schon mindestens zehn Jahre und pflegten in dieser Zeit einen lebhaften Briefwechsel.

Katharina Bott war ausgebildete Krankenschwester. Ihre erste Stelle bekam sie in Reiths Geburtsort Wörstatt. Ihr Gehalt musste Katharina Bott bei Georgs Vater, dem Kirchenrechner Reith abholen. Bei einem dieser Besuche lernte sie auch den Sohn des Bauern kennen. Georg und Käthe wurden ein Paar.

Nach der Hochzeit zogen die jungen Leute zunächst nach  Sprendlingen-Buchschlag, wo Reith als Pfarrassistent in der Villenkolonie Buchschlag eine eigene, ganz neue  Pfarrei aufbauen sollte. Die Arbeit in diesem mondänen Villenviertel erwies sich als schwierig und für Reith nicht passend. Tochter Renate formulierte später: Unser Vater war kein Salonlöwe, wie man ihn in Buchschlag erwartete.

Bereits 1914 übernahm Georg Reith eine neue  Aufgabe, die ihm sehr viel mehr lag.

Er wurde Dorfpfarrer  in dem damals kleinen Örtchen Hartershausen bei Schlitz im hessischen Vogelsbergkreis.

In diesem überschaubaren, in jeder Beziehung ländlichen  Dorf blieben sie 10 Jahre. Zum ersten Mal bewohnten sie ein Pfarrhaus.

Nikolaikirche Hartershausen

Nikolaikirche Hartershausen

Die Lebensverhältnisse in Hartershausen waren extrem einfach und arm, die Verkehrswege unerschlossen. Es gab keinen Bäcker, keinen Krämer, kein elektrisches Licht. Das Wasser musste 50 Treppen hochgetragen werden.

Georg und Käthe mussten neben der Pfarrei vier Morgen Land und vier Gärten bewirtschaften. Dazu waren Hühner, Gänse, Kaninchen, Ziegen und Schweine zu versorgen.

Wieviel mehr dieser Arbeit an Käthe hängen blieb, kann man sich vorstellen: Denn Georg Reith war gleichzeitig Pfarrer, Bürgermeister, Lehrer, Festveranstalter, Theaterdirektor, Buchhändler, Fortbildner, Apotheker, alles in einem.

In Hartershausen begann sicherlich die Selbstausbeutung der jungen Pfarrfrau. Hier  versorgte sie Kirchengemeinde und Landwirtschaft, betreute Einsame, Alte, gab der Jugend im Pfarrhaus ein Zuhause.

In dem kleinen Dorf war die Pfarrfrau gleichzeitig Krankenschwester und Hebamme. Die Kranken suchten zuerst sie auf: Der Weg zu den überlasteten Ärzten war weit und die Verkehrsanbindung schwierig. Täglich kamen Patienten zum Verbinden.

Als Dank für erwiesene Krankenpflege und Pfarrdienste schwamm das Pfarrhaus in Eiern, Butter, Milch und Wurstsuppe.

Kinder der Familie Reith

Kinder der Familie Reith

Und hier wurden auch ihre fünf Kinder geboren: Reinhard 1915, Ruth 1916, Anneliese 1917, Ekkhard 1919 und Mechtild 1922.

Reinhard, Ruth und Anneliese waren Kriegskinder. Käthe Reith konnte sich nicht nur um ihre kleinen Kinder kümmern, denn in das Pfarrhaus wurden im ersten Weltkrieg Flüchtlinge aus dem Ruhrgebiet einquartiert, weil dort das Essen knapp war.

Früh aufstehen war notwendig, um all den Aufgaben gerecht zu werden. Käthe führte im Dorf die neue Technik des Einweckens von Gemüse, Obst und Fleisch ein und unterwies darin auch die Bauersfrauen. Man sah die Pfarrfrau auf den Feldern beim Kartoffeln- und Rübenhacken und selbst als Tierärztin war sie gefragt. Für die Kinder war die ländliche Stille, die Umgebung von Wasser, Wald und Wiese ein Paradies. Allerdings mangelte es an weiterführenden Schulen.

Ev. Stadtkirche Bad Wimpfen

Ev. Stadtkirche Bad Wimpfen

Deshalb verließ die Familie Reith 1925 das Dorf Hartershausen und zog nach Bad Wimpfen.

In der kleinen damals noch zu Hessen gehörenden Kurstadt am Neckar gab es eine Realschule. Die Kinder von Käthe und Georg Reith konnten in der Nähe ein Gymnasium besuchen.

Während des Umzuges erkrankte der älteste Sohn Reinhard an Diphterie und starb – nur 10 Jahre alt – 1925 an den Folgen dieser Krankheit.

Die Mutter verkraftete den Tod ihres Sohnes kaum und litt lebenslang unter diesem Verlust. Sie zog sich eine schwere Nierenbeckenentzündung zu und musste viele Wochen in der Klinik verbringen.

Käthe war noch krank und nicht zu Kräften gekommen, als am 23.6.1926 ihr sechstes Kind Renate geboren wurde. Die Geburt war äußerst schwer und die Familie bangte um das Leben von Mutter und Kind.

Als Renate unter großen Schmerzen geboren war, hielt man sie zunächst für tot. Dass am Ende Mutter und Kind überlebten, wurde als doppeltes Wunder angesehen. Die geschwächte Mutter konnte den Säugling nicht selbst versorgen und musste sich wochenlang in einer Klinik in Heilbronn behandeln lassen. Erst Monate später hatte sie sich soweit erholt, dass sie ihren Dienst in der Gemeinde wieder aufnehmen konnte.

In Bad Wimpfen zeigte sich auch das vorzeitige Wetterleuchten des 3. Reiches. Georg Reith machte zum ersten Mal Bekanntschaft mit der NS-Ideologie: Es gab Anfeindungen durch zwei völkische Studienräte und beängstigende SA-Märsche. Entsprechend aufmerksam nahm er von Beginn an die Ereignisse des 3. Reiches zur Kenntnis.

Ehemaliges ev. Pfarrhaus in der Villastraße in Seeheim

Ehemaliges ev. Pfarrhaus in der Villastraße in Seeheim

1932 zog Georg Reith – 45 Jahre alt – mit seiner Frau und fünf Kindern in das Pfarrhaus in der Villastraße in Seeheim ein. Tochter Ruth war 16, Anneliese 15, Ekkard 13, Mechtild 10 und Renate 6 Jahre alt. Seine Pfarrstelle in Seeheim trat er am 27. Januar 1932 an.

Für die Kinder war es das schönste Pfarrhaus, das die Familie je erlebt hatte: eine Villa, die Frau Goldschmidt einst der Kirchengemeinde geschenkt hatte.

Frau Goldschmidt und Frau von Buri, eine ehemalige Botschafterfrau, freundeten sich mit den Reiths an.

Die Kinder hatten bei „Tante Buri“ Anstandsunterricht. Staunend nahmen sie zur Kenntnis, wie viel Besteck beim Essen bei den Buris um die Teller herumlag, wie kostbar das Porzellan und wie merkwürdig die silbernen Wasserschalen für die Finger waren.

Später erinnerten sich die Kinder aber auch daran, dass das Haushaltsbudget im Pfarrhaus schmal war. Die Mutter verwahrte das Geld in einer Schublade, fand für den Schlüssel immer ein anderes Versteck, was zur Folge hatte, das sie ihn häufig suchte. Oft tauchten unbezahlte Bücherrechnungen des Vaters auf. Um das Haushaltsgeld aufzubessern, nahm die Pfarrfrau junge Ausländer auf, die Deutsch lernen wollten und Gäste aus dem in der Nähe liegenden Hotel Hufnagel, die auch mit Frühstück versorgt wurden. Die Kinder putzten für die Gäste die Schuhe, bewunderten die wunderbaren Gebilde und probierten sie heimlich an.

Eine Familie, ein Pfarrhaus, wie es schöner nicht sein konnte, so schreibt Renate, die jüngste Tochter später.

Doch bald begann die Zeit des Nationalsozialismus, eine Zeit die auch für die Familie Reith sehr schwer werden sollte.

Nachdem Hitler am 30.1.1933 zum Reichskanzler gewählt wurde, veränderten sich die Verhältnisse in Deutschland schnell. Bereits am 24.März 1933 hebelte das Ermächtigungsgesetz die Verfassung aus und räumte der NS-Regierung unbegrenzte Macht ein. Acht Tage später erfolgte am 1.April 1933 der Boykottaufruf gegen jüdische Geschäfte, jüdische Ärzte und jüdische Anwälte. Ab dem 10. Mai 1933 brannten in Deutschland die Bücher – auch vor dem Jugendstilbad in Darmstadt.

Die Menschen in Seeheim nahmen die Gefahr nicht genügend zur Kenntnis. Im Gegenteil: Straßennamen änderten sich: die heutige Schulstraße wurde plötzlich SA-Straße, die heutige Alte Bergstraße hieß Horst Wesselstraße. Hitler wurde Ehrenbürger Seeheims und Plätze in Jugenheim und Seeheim erhielten seinen Namen. Im Jugenheimer Schwimmbad waren Juden unerwünscht und jüdische Bürger aus Seeheim, Jugenheim und Umgebung standen unter Polizeiaufsicht.

In der ev. Kirche Deutschlands änderten sich ebenfalls die Verhältnisse. Nach der Machtergreifung wollte Hitler, dass sich die Kirchen auf die nationalsozialistische Weltanschauung ausrichteten.   Innerhalb der ev. Kirche bildete sich die Gruppierung der sogenannten Deutschen Christen, die die NS-Ideologie in den Gemeinden durchzusetzen wollten. Die Deutschen Christen waren streng nach dem Führerprinzip organisiert, bekannten sich zu einem sog. positiven Christentum, wie es im NSDAP-Parteiprogramm propagiert wurde. Für die Mitgliedschaft forderten sie Rassenreinheit, von der Kirche erwarteten sie die Loslösung von den jüdischen Wurzeln.

Am 23. Juli 1933 sollten in allen bis dahin noch bestehenden Landeskirchen Synodalwahlen stattfinden, aber nur mit einer von der NSDAP vorgegebenen Einheitsliste der „Deutschen Christen“ und ihrer Sympathisanten. Die Deutschen Christen erreichten eine Zweidrittelmehrheit – auch wenn in Darmstadt diese Landessynodalenwahl vorerst am Widerstand ihrer Gegner scheiterte.

Die Deutschen Christen besetzten jetzt alle wichtigen Ämter in der Kirche. Zum Reichsbischof wählten sie Ludwig Müller, der vorher Hitlers Bevollmächtigter war. Damit war die Kirche weitgehend gleichgeschaltet.

Ideologisch untermauert wurden die Nationalsozialisten und die Deutschen Christen von der Theorie, die Alfred Rosenberg in einem sehr einflussreichen und auflagenstarken Buch mit dem Titel „Der Mythus des 20. Jahrhunderts“ veröffentlicht hatte. Rosenberg stellt das teuflische Judentum der von Gott geadelten nordischen Rassenseele gegenüber. Er fordert, dass Ehen und Geschlechtsverkehr zwischen Ariern und Juden unter Todesstrafe gestellt werden.

Im September 1933 wollten die Deutschen Christen den für Beamte geltenden Arierparagraphen auch für Kirchenämter einführen.

Als Reaktion auf diese ungeheuerlichen Maßnahmen rief Pfarrer Martin Niemöller den Pfarrernotbund ins Leben, aus dem im Mai 1934 die Bekennende Kirche hervorging.

In der Barmer Erklärung verurteilte die Bekennende Kirche die NS-Ideologie und die Lehren der Deutschen Christen, kennzeichnete sie als unchristliche Irrlehren und setzte sich gegen staatliche Übergriffe auf das christliche Glaubensbekenntnis zur Wehr.

Sie schuf sich eigene Leitungs- und Verwaltungsstrukturen und grenzte ihre Organisation von deutsch-christlich geführten Landeskirchen ab. Zahlreiche Pfarrer verließen die Deutschen Christen, so wurde z.B. die Württembergische Landeskirche von der Bekennenden Kirche geleitet.

Auch in Hessen hatte die Bekennende Kirche unter den Pfarrern zahlreiche Anhänger. Einer davon war Pfarrer Reith. Er nahm auf Grund seiner Erfahrungen in Bad Wimpfen die Entwicklung in Seeheim äußerst wachsam wahr.

In seiner Karfreitagspredigt, die er am 14. April 1933 – also nur wenige Tage nach der Machtergreifung Hitlers hielt, erklärte er der Gemeinde in der Laurentiuskirche den Unterschied zwischen Hakenkreuz und Christenkreuz. Er sagte u.a. folgende Sätze:

 

Karfreitagpredigt April 1933

Karfreitagpredigt April 1933

Hier zeigte sich schon sehr früh, wie weitsichtig Reith die Lage beurteilte und wie mutig er seine Meinung vertrat.

Offenbar wurde der Pfarrer bei den Nazis angeschwärzt, denn   unmittelbar nach der Predigt zitierte man ihn vor den Kreisrat in Bensheim. Georg Reith wurde von den Nazis zum ersten Mal verwarnt. Von diesem Zeitpunkt an standen Hausdurchsuchungen und Schikanen auf der Tagesordnung.

Die Hitlerjugend demonstrierte zum Pfarrhaus und zur Kirche. Später marschierte der Nazi-Mob vor das Gemeindehaus und forderte die Herausgabe der Möbel.

Pfarrer Reith war den Nazis von Anfang an ein Dorn im Auge, weil er sich gegen die Deutschen Christen und für die Bekennende Kirche entschieden hatte.

Im März 1935 erschienen der Kreisdirektor, ein Polizeikommissar und ein Gendarmerie- Wachtmeister im Pfarrhaus und forderten Georg Reith auf, zu unterschreiben, dass er eine Erklärung der Bekennenden Kirche in der Sonntagspredigt nicht verlesen würde.

In dieser Erklärung wollten die Pfarrer der Bekennenden Kirche gegen die rassistischen Thesen Alfred Rosenbergs protestieren. Pfarrer Reith verweigerte die Unterschrift, denn er fand die Erklärung weder staatsfeindlich noch gesetzeswidrig. Dabei berief er sich auf sein Ordinationsgelübde, das keinen Eingriff in den Raum der Kirche dulde. Daraufhin wurde Pfarrer Reith zum ersten Mal verhaftet.

In seinem Lebenslauf schreibt er später, dass er sich von seiner Familie verabschiedete und sie noch gemeinsam das Lied „ein feste Burg ist unser Gott“ sangen. Danach wurde er von den drei Herren im Auto zur Schutzhaft nach Bensheim abtransportiert.

Weil alleine in Hessen 287 Pfarrer der Bekennenden Kirche an diesem konkreten Widerstand beteiligt waren, mussten die Nazis nachgeben: Noch am selben Abend wurde der Pfarrer wieder entlassen.

Diese hohe Zahl der aktiven Mitglieder der Bekennenden Kirche allein in Hessen ist bemerkenswert. Die Kirche war nicht restlos gleichgeschaltet.

Ev. Laurentiuskirche in Seeheim

Ev. Laurentiuskirche in Seeheim

Georg Reith ließ sich durch die Verhaftung nicht einschüchtern und blieb beharrlich bei seiner Haltung gegen die NS-Ideologie.

In den Predigten verweigerte er das vorgeschriebene Gebet für den Führer und das Glorifizieren der Partei. Standhaft grüßte er oft mit „Grüß Gott“ statt mit „Heil Hitler“.

Er weigerte sich, den christlichen Kindergarten in seiner Gemeinde in einen Kindergarten der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV) zu verwandeln.

Unterstützt von Georg und Käthe Reith nahmen ihre Kinder an dem Sonntagsdienst der HJ nicht teil. Ihr Sohn Eckhard trat sogar wegen der antichristlichen Propaganda aus der Hitlerjugend aus.

Nach außen hin gab die Partei noch vor, die Jugend zum Christentum zu erziehen. Pfarrer Reith erkannte, dass diese Versprechung Betrug waren, und fragte provozierend nach, ob er als Pfarrer diese Aufgabe in der Partei nicht übernehmen könne. Er begründete diesen Antrag mit einem Lutherzitat: “Ein Christenmensch ist ein freier Herr aller Dinge und im Glauben niemand untertan.“

Der Antrag wurde abgelehnt. Stattdessen veranlassten die Nazis, dass Georg Reith keinen Religionsunterricht mehr in der Schule geben durfte. Er führte ihn dann heimlich im Gemeindehaus durch.

Die Auseinandersetzung mit der Partei eskalierte in der folgenden Zeit. Dies belastete die Familie erheblich.

Seine Sonntagspredigten wurden überwacht – zeitweise sogar von einem 15-jährigen Jungen aus dem Umfeld des Bürgermeisters. Reith hat sich dies beim Bürgermeister ausdrücklich verbeten – ohne Erfolg.

Am nächsten Sonntag waren wieder zwei Spitzel im Gottesdienst. Reith forderte von der Kanzel diejenigen auf, die nicht gekommen waren, um Gottes Wort zu hören – sondern einen Verrat begehen wollten – von ihrem üblen Vorhaben zu lassen. Dieses Mal hatte er Erfolg: Die Männer schrieben nicht weiter.

Wenige Tage nach Kriegsausbruch am 1. September 1939 wurde Georg Reith noch im September zum zweiten Mal verhaftet. Unter Vorhaltung eines Revolvers und der Drohung ihn auf drei Schritte Entfernung nieder zu schießen, wurde er in Schutzhaft genommen und in das Gefängnis am Runden Turm in Darmstadt gebracht.

Die Nazis warfen ihm Verstoß gegen das sog. Heimtückegesetz vor. Nach diesem Gesetz war es verboten, Zweifel an der Kriegsschuld der anderen Länder zu äußern. Was war geschehen?

Pfarrer Reith war einer Saarländerin bei der Wohnungssuche behilflich. Sie klagte darüber, wie der Herrgott so einen Krieg zulassen könne, nachdem der Führer doch alles getan habe, um ihn zu verhindern. Reith erwiderte, Gott habe im Jüngsten Gericht genug Gelegenheit, die wirklichen Urheber des Krieges zu offenbaren.

Die Saarländerin, der sowohl Reith als auch seine Frau sehr behilflich gewesen waren, denunzierte den Pfarrer, worauf er verhaftet wurde.

Skizze Gefängniszelle Darmstadt

Skizze Gefängniszelle Darmstadt

In der wochenlangen Einzelhaft zeichnete Pfarrer Reith seine Zelle. Die Gestapo verhörte ihn und versuchte mit aggressiven Methoden vergeblich, etwas aus ihm herauszupressen.

Ohne Verhandlung wurde der Pfarrer nach sechs Wochen Haft im Oktober 1939 stillschweigend entlassen.

Seit 1935 erschien einmal pro Woche die Zeitung „Das schwarze Korps“. Jeder SS-Mann war verpflichtet, dieses NS-Kampfblatt zu lesen. Zunächst hatten die Nazis versucht, die Kirchen zu integrieren.   Im Schwarzen Korps hetzten sie aber gegen Juden, Freimaurer und Kirchen. Gründonnerstag 1940 erschien in dieser Zeitung ein diffamierender Artikel gegen Pfarrer Reith. Man behauptete, Reith habe eine wehrkraftzersetzende Predigt an die Soldaten an der Front geschickt. Ein derartiger Vorwurf war für den Pfarrer äußerst gefährlich. Er suchte den Bürgermeister und den Ortsgruppenleiter der NSDAP auf und erklärte eidesstattlich, dass er diese Predigt weder gehalten noch ins Feld geschickt habe. Trotz der eidesstattlichen Erklärung sollte Reith noch am Gründonnerstag verhaftet werden. Als ihn die Gestapo abholen wollte, griff Käthe Reith ein: „Seien Sie doch keine Unmenschen und lassen Sie meinen Mann noch unsere jüngste Tochter Renate am Osterdienstag konfirmieren.“

Am Osterdienstag – es war der 26.März 1940 – hat Reith sein Gefängnisköfferchen mit in die Sakristei genommen und wurde unmittelbar nach der kirchlichen Feier zum dritten Mal verhaftet und abgeführt. Ohne rechtmäßige Anklage, ohne richterlichen Beschluss und ohne Lesestoff wurde der unbotmäßige Pfarrer in Einzelhaft isoliert.

Würde er seine Familie jemals wiedersehen? Seine Frau und seine Kinder waren in größter Sorge.

Anneliese Reith (3.9.1917 – 14.10.1963)

Anneliese Reith
(3.9.1917 – 14.10.1963)

Seine 22-jährige Tochter Anneliese beriet sich mit ihren Freunden. Sie lief von Behörde zu Behörde, um ihrem Vater zu helfen.

Schließlich setzte sie einen ungewöhnlich mutigen Plan um. Sie schwang sich auf ihr Fahrrad, fuhr von Seeheim nach Hannover, um dort bei dem Außenminister Ribbentrop vorzusprechen und für ihren Vater zu bitten.

Der Minister war von dem mutigen jungen Mädchen derart beeindruckt, dass er die Entlassung Reiths in die Wege leitete.

Er setzte sich mit dem zuständigen Gauleiter Jakob Sprenger in Verbindung.

Als Anneliese wieder in Seeheim war, wurde sie zu einem Treffen mit der Gestapo nach Darmstadt bestellt. Die Nazis eröffneten ihr, dass ihr Vater entlassen würde, wenn er auf sein Pfarramt in Seeheim verzichtete und Ruhe gäbe.

Reith wurde am 11. Mai 1940 von der Kirchenleitung in Hessen und Nassau entlassen. Darüber hinaus bestellte ihn die GESTAPO ein und drohte: Er sei für den nationalsozialistischen Staat untragbar, müsse seinen Widerstand einstellen und innerhalb von drei Tagen Hessen-Nassau verlassen, anderenfalls drohe ihm Gefängnis und KZ.

Körperlich erschöpft und nervlich am Ende willigte Reith ein. Er verließ Hessen und versuchte, sich in einem von Diakonissen geleiteten Haus einer Freikirche in Langensteinbach zu erholen.

Für die Familie von Pfarrer Reith hatten diese Vorgänge erhebliche Bedeutung: Mit der Entlassung aus dem Pfarrdienst stellte sich nicht nur die Frage, wie Frau und Kinder ohne Einkünfte durchgebracht werden sollten. Selbstredend mussten die Reiths auch das Pfarrhaus räumen und es drohte, dass sie auf der Straße standen. Wie sollte ein Umzug finanziert werden?

Dazu kamen die Sorgen um Sohn Ekkard, der als Soldat an der Front kämpfen musste.

Es lastete ein gewaltiger Druck auf der Familie. Sowohl bei Käthe als auch bei Georg Reith diagnostizierten die Ärzte Herzprobleme.

Beschluss Ev. Landeskirche

Beschluss Ev. Landeskirche

Pfarrer Reith bat die Kirchenleitung in Darmstadt um Unterstützung. Diese sorgte dafür, dass er seine Bezüge noch für Juni und Juli 1940 bekam.

In einem dienstlichen Schreiben vom Landeskirchenamt in Hessen Nassau wurde dem Pfarrer am 27. September 1940 mitgeteilt, dass er seine Stelle verliert.

Unterzeichnet hatte der Präsident des Landeskirchenamtes Kipper. Das Schreiben enthielt kein Wort des Dankes oder der Anerkennung. Die vorgesetzte Kirchen-Behörde setzte die Vorgaben des NS-Regimes kühl und kommentarlos um.

Zum Glück gab es aber auch ein funktionierendes Netzwerk der Bekennenden Kirche.

reith_13Georg Reith war Mitglied im Landesbruderrat der Bekennenden Kirche in Hessen und Nassau und stellvertretender Vorsitzender dieser Gruppe auf Kreisebene. Der Bruderrat war ein weitgehend informelles Gremium zur kollegialen Leitung von evangelischen Kirchengemeinden oder Teilen von ihnen in der Bekennenden Kirche während des Kirchenkampfes in der Nazizeit.

Ein Mitglied des Landesbruderrates wandte sich wenige Tage nach Reiths Entlassung am 22.Mai 1940 an den Landesbruderrat in Württemberg. In Württemberg war der Einfluss der Bekennenden Kirche deutlich stärker als in Hessen.

Schließlich gelang es, Pfarrer Reith bereits ab 10. Juli 1940 mit einer vorläufigen, zeitlich befristeten Beauftragung für eine Pfarrstelle in Heidenheim zu versorgen.

Georg Reith konnte mit seiner Familie auf diese Weise fast drei Jahre in Heidenheim überbrücken.

Ev. Clemenskirche in Oferdingen

Ev. Clemenskirche in Oferdingen

1943 kam Pfarrer Reith dann – wieder vernetzt mit dem Bruderrat der Bekennenden Kirche – nach Reutlingen-Oferdingen.

Dieser Bruderrat entwickelte sich zu einer informellen Organisation von Pfarrern, die es sich zur Aufgabe machten, den von den Nazis verfolgten Menschen zu helfen.

Nachdem klar war, dass der NS-Rassenwahn die Endlösung und damit die Ermordung vieler Millionen Juden zum Ziel hatte, versuchten Mitglieder des Bruderrates, verfolgte Juden vor den Nazis zu verstecken und ihnen zur Flucht in die Schweiz zu verhelfen. Wir wissen inzwischen von 40 solcher Pfarrhäusern in Württemberg, in denen Pfarrerehe- paare der Bekennenden Kirche unter höchstem persönlichen Risiko und unter Einsatz ihres Lebens Juden versteckten und auf der Flucht begleiteten.

Georg Reith beteiligte sich mutig an diesen Aktionen, obwohl er doch bereits mehrfach verhaftet und mit KZ bedroht worden war. Seine Tochter Renate schrieb später: „Es begannen auch die nächtlichen Märsche mit Juden, die Vater einige Kilometer weiterbringen mußte, damit sie eventuell die Schweiz erreichen konnten. Einem jüdischen Ehepaar gewährten wir für längere Zeit Asyl, weil es besonders gefährdet war. Da der Tod auf solches Helfen stand, war die Angst immer gegenwärtig.“

Lichter im Dunkel

Lichter im Dunkel

Es handelte sich um das Ehepaar Max und Karoline Krakauer. Seit dem 29.1.1943 wurde das jüdische Ehepaar ausgehend von Berlin von Pfarrhaus zu Pfarrhaus geleitet. Es hatte am Abend des 8. August 1943 völlig erschöpft einen voll besetzten Zug im Stuttgarter Hauptbahnhof verlassen. Sie kamen ohne Ausweis. Eine verfallene Lebensmittelkarte mit dem Namen Ackermann war ihr einziges Identifikations-dokument.

Sie waren ursprünglich aus Leipzig stammende Berliner Juden, die in der Hoffnung nach Württemberg kamen, hier untertauchen zu können. Ihr einziges Kind war nicht mehr bei Ihnen. Die Eltern hatten ihre Tochter nach Ausbruch des Krieges einem Kindertransport nach England übergeben und so in Sicherheit gebracht. Vom Januar 1943 bis Mai 1945 wurden Max und Ines Krakauer in mehr als 60 Häusern versteckt.

Unterschlupf fanden sie bei Pfarrern, Apothekern, Ärzten, Bauern und in einem Kinderheim.

Vom 22. Nov. bis 1. Dez. 1944 hielten sie sich im Pfarrhaus Oferdingen bei Georg und Käthe Reith versteckt.

In seinem Buch über ihre unglaubliche Flucht schreibt Max Krakauer 1975:
„Ein zweites Quartier im gleichen Ort war das Ergebnis weiterer Bemühungen des Apothekers. … Bei denkbar schlechtem Wetter, oft bei Nacht, war er für uns unterwegs gewesen und wollte uns nun persönlich auf Nebenstraßen und wieder über die Felder nach Oferdingen bringen, zur Familie des Pfarrers Reith, die sich bereit erklärt hatte, uns für drei Tage aufzunehmen.

Pfarrer Reith gehörte eigentlich nach Seeheim a.d. Bergstraße, doch der zuständige Gauleiter Sprenger hatte ihn aus Hessen entfernt, und nun fand er, wie so viele andere aus dem Reiche, in Württemberg Zuflucht.
Selbst von Leid getroffen, hatte er besonders Verständnis für andere in ähnlicher Lage, und bereits nach wenigen Minuten der Unterhaltung, erklärte er uns, es käme gar nicht in Frage, daß wir schon nach drei Tagen wieder weiterzögen. Wir freuten uns darüber, nicht nur für uns selbst, sondern auch für Pfarrer L., der trotz aller Mühen noch keine weitere Bleibe für uns aufgetan hatte und so etwas Zeit bekam, mit seinem Fahrrad wieder von Urach aus über Land zu fahren und zu suchen. Endlich fand er, wie er uns sagen ließ, für einige Tage ein Asyl in Mittelstadt. Aus den beabsichtigten drei waren zehn Tage geworden, und die Familie Reith hätte uns sicher noch länger behalten, wenn nicht ausgebombte Verwandte eingetroffen wären.“

Hildegart Spieth

Hildegart Spieth

Die letzten Kriegstage erlebten Max und Ines Krakauer im Pfarrhaus in Stetten. Die Pfarrfrau Hildegart Spieth hatte das Ehepaar bei sich aufgenommen. Als am 21.April 1945 die Amerikaner in Stetten einmarschierten, waren die Krakauers gerettet. Insgesamt waren sie 27 Monate auf der Flucht. 20 Monate wurden sie in Württemberg versteckt.

Von all den helfenden Pfarrern der Bekennenden Kirche, die das Ehepaar Krakauer vor den Nazis versteckt hatten, wurden bisher nur 11 in der Gedenkstätte YAD VASHEM in Jerusalem geehrt.

Wir haben uns darum bemüht, dass Pfarrer Reith auch unter die „Gerechten unter Völkern“ in YAD VASHEM aufgenommen wird und 2013 einen entsprechenden Antrag bei der Israelischen Botschaft in Berlin gestellt. Unserem Antrag wurde leider nicht entsprochen, weil keiner der Zeitzeugen mehr lebt.

Nach dem Zusammenbruch des 3. Reiches am 8. Mai 1945 nahm Georg Reith die Verbindung mit der Seeheimer Gemeinde und mit der neuen hessischen Kirchenleitung auf. In seinem Antrag an die Evg. Landeskirche in Hessen vom 13. Juli 1945 schrieb er:

„(   ) So richte ich an die neue Kirchenregierung die Bitte um meine Rehabilitierung, d.h. die Wiedereinsetzung in meine alten Rechte als Hess. Pfarrer von Seeheim, zumal ich in keinem der drei Anklagefälle schuldig gesprochen werden konnte, sondern der eigentliche Ausgangspunkt der Anklage das ausdrückliche Eingeständnis war, dass, wo ich arbeitete, der Nationalsozialismus keinen rechten Boden fassen könne.“

In der Antwort der hessischen Kirchenbehörde gab es Bedenken nicht politischer, sondern persönlicher und seelsorgerlicher Art gegen Reiths Rückkehr. Man stellte die Entscheidung darüber aber in sein Ermessen.

Am 1. Sep. 1946 nahm Reith seinen Dienst als Pfarrer in Seeheim wieder auf.

In seinen Lebenserinnerungen schrieb er später, wie schwer jetzt die Arbeit war und wie sehr sich die Situation in Seeheim in den Jahren seiner Abwesenheit gehändert hatte.

Über allem stand – so schreibt Pfarrer Reith – vielfache Nachkriegsnot:
Die ungeheure Not infolge der Katastrophe, die Ernährungsnot , die Wohnungsnot infolge der Flüchtlinge, die Rechtsnot im Entnazifizierungsverfahren, die moralische Not und die religiöse Not , die die Menschen in diesen Zeiten an Gott irre werden ließen.

Dennoch war der Pfarrer tatkräftig wie eh und je, versah seinen Dienst uneingeschränkt, half den Menschen so gut er konnte. Es gelang ihm in all den Wirren sogar, noch 1946 die Seeheimer Volkshochschule zu gründen: Er wollte nicht nur die materielle, sondern auch die geistige Not bekämpfen.

Später gab er sich auch Rechenschaft darüber, was ihn davor bewahrt hat, der Fehlentwicklung seines Volkes und dem Irrweg eines Teils seiner Kirche nicht zum Opfer zu fallen:

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Nach dem Tod seiner ersten Frau Käthe im Jahre 1948 heiratete er 1949 Marie Lauckhard. Seine zweite Frau starb im Januar 1985 und wurde im Familiengrab hinter der Laurentiuskirche beerdigt

Im Jahre 1952 wurde Georg Reith pensioniert und zog in die Karolinenstraße. Ein Jahr vor seinem Tod – am 19.9.1963 – erhielt er im Seeheimer Rathaus das Bundesverdienstkreuz.

Der damalige Landrat Krämer würdigte sein mutiges Verhalten während der NS-Zeit.

Am 30. Nov. 1964 starb Pfarrer Reith.

Seireith_18n Grab befindet sich noch heute auf dem Seeheimer Friedhof in der ersten Reihe hinter dem Chor der Kirche. Oben auf dem Grabstein ist das Wort „Dennoch“ gut lesbar wie auf einen Halbkreis gelegt. Georg Reith erinnert in seinen biographischen Aufzeichnungen an den 23. Vers des 73. Psalms:

„Dennoch bleibe ich stets an dir; denn du hältst mich bei meiner rechten Hand. Du leitest mich nach deinem Rat und nimmst mich am Ende mit Ehren an.“

Das Dennoch des Glaubens und die Gewissheit der Führung haben diesen Mann durch alle Spannungen, Bedrängnisse und Krisen geleitet.

Pfarrer-Reith-Haus

Pfarrer-Reith-Haus

1992 erschien zur Einweihungsfeier des Pfarrer-Reith-Hauses Pfarrer Dr. Manfred Knodt, ein Patensohn Reiths.

Er beschrieb in seiner Festansprache Georg Reith als seinen Lehrmeister und sein Vorbild. Er habe seinen Mitmenschen eine Wahrheit vorgelebt: „Um andere zu entzünden muss man selber glühen.“

Wichtig ist, noch einen Blick auf die Frau und die Kinder Georg Reiths zu werfen, darauf wie sie die schreckliche Zeit erlebt haben und welche fürchterliche Folgen für ihr gesamtes weiteres Leben sich ergaben.

Käthe Reith

Käthe Reith

Reith selbst hat die Situation wohl richtig eingeschätzt, wenn er feststellte, dass er selbst die Schrecken der NS-Diktatur und des Krieges aufgrund seiner robusten, bäuerlichen Herkunft relativ gut überstanden habe. Ganz anders erging es seiner Familie.

Käthe Reith lebte als Pfarrfrau ohnehin am Limit: die aufwendige Gemeindearbeit, die fünf Kinder, Nebenbeschäftigungen als Krankenschwester und Landfrau, die ruhelosen, aufreibenden, riskanten, sie oft überfordernden Aktivitäten ihres Mannes: das alles belastete sie schwer und ging schließlich über ihre Kräfte.

Besonders schlimm waren die Zeiten der Gefängnisaufenthalte ihres Mannes. Nun fühlte sie sich für die Gemeinde verantwortlich, führte mit aller Kraft das Pfarrhaus weiter, leistete seelsorgerliche Arbeit und hielt die Familie zusammen.

Die Tochter beschreibt sie als kämpferische Natur, die sich nie schonte und ihren Mann in allen schwierigen Situationen unterstützte. Diese enormen Belastungen und Spannungen griffen ihre Gesundheit an: In der Zeit der Denunziationen, Hausdurchsuchungen und Schikanen begannen schwere Angina- Pectoris-Anfälle.

Obwohl nach 1945 Kriegszeit und Naziterror beendet waren, erholte sie sich nicht. Im Sommer 1948 verschlechterte sich ihr Zustand: Die Strapazen des anstrengenden Umzuges nach Seeheim, die von morgens bis abends anhaltenden Aufgaben für die Unterstützung der Gemeindemitglieder, die Anteilnahme an den Nachkriegssorgen und an dem Hunger der Menschen, vor allem aber die sich abzeichnende seelische Erkrankung der Töchter Anneliese und Ruth überforderten sie. Die Herzanfälle nahmen zu. Sie erlitt einen Schlaganfall und starb am 14.9.1948.

Die Kinder schreiben: Ein Leben war zu Ende gegangen, das sie in selbstloser Liebe und Hingabe für Familie und Gemeinde gelebt hat. Ihre Kraft war aufgebraucht, es blieb wahrlich kein Rest mehr.

Käthe Reith ist auf dem Seeheimer Friedhof neben ihrem Mann begraben.

Sohn Eckhard war ein aufgewecktes, fröhliches Kind. Die Nazis nahmen ihm einen Teil seiner Kindheit und Jugend. Er weigerte sich, in der HJ mitzumachen, wurde eingezogen und kam an die Front.

Als er von der Verhaftung seines Vaters hörte, wollte er aus Stolz und Ehrgefühl zunächst nicht bei den Nazis für dessen Freilassung bitten. Die Nazis hielt er in Briefen für blöd, sie benähmen sich jeden Tag dümmer.

„Wir müssen“ – so schrieb er – „die Belastungen ertragen.“ Und weiter: „Ein Nicht-gewachsensein gibt es nicht. Haltet aus. Denkt an Niemöller!!“ Irgendwann entschied er sich um und schrieb einen Bittbrief für seinen Vater an die Gestapo.

Eckhard wurde im Krieg durch einen Granatsplitter im Hinterkopf verletzt und geriet in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Wieder war es seine Schwester Anneliese, die sich mit Haut und Haar einsetzte. Sie erfuhr davon und es gelang ihr – dank ihrer guten Englischkenntnisse –den Bruder zunächst frei zu bekommen.

Später verhafteten die Amerikaner Eckhard erneut und er blieb bis nach dem Krieg in Kriegsgefangenschaft. Nach 1945 wurde er auf Bitten seines inzwischen rehabilitierten Vaters freigelassen.

Eckard und Mechtild Reith

Eckard und Mechtild Reith

Eckhard hat Medizin studiert, lebte in Birkenau und starb dort am 3. Juni 2011. Begraben wurde er neben seinen Eltern in Seeheim.

Auch die besonders hübsche Tochter Mechtild bekam die Folgen der Nazizeit zu spüren. Seit ihrer Jugend litt sie an einer chronischen Migräne. In jungen Jahren verlor sie ihren Ehemann, der in Stalingrad fiel. Danach unterstützte Mechtild ihre kranke Mutter und war bis zu ihrem Tod bei ihr. Über ihre inneren Nöte, Empfindungen und Verzweiflung konnte sie nicht reden.

Anneliese und Ruth Reith

Anneliese und Ruth Reith

Am meisten traumatisiert von den schrecklichen Ereignissen waren die Töchter Ruth und Anneliese. Ihre Schwester Renate fragt später: „…wieso wurden Ruth und Anneliese so krank?“ Die Folgen, die die schrecklichen Ereignisse für Ruth und Anneliese hatten, legten sich „wie ein dunkler Schleier über (die)…Familie.“

Ruth war ein überaus sensibles Mädchen. Als ihr Vater kurz vor ihrem Abitur zum ersten Mal verhaftet, von der Gestapo abgeführt und mit einem Auto abtransportiert wurde, hörten die Geschwister einen markerschütternden Schrei . Ruth war zusammengebrochen. Sie erholte sich von diesem Trauma nie. Aus den Dokumenten geht hervor, dass sie sehr intelligent und sprachbegabt war. Ein Studium oder eine Ausbildung war ihr in Folge der Traumatisierungen nicht möglich. Damals waren Psychologie und Psychotherapie noch in den Kinderschuhen; dazu hatten die Ärzte noch keine Medikamente für solche Fälle. Hilfe blieb aus.

Jahrelang übernahm sie den Organistendienst in Oberbeerbach und stand dem Vater als Pfarramtssekretärin zur Seite. Auch nach dem Tod des Vaters wechselte sie von einer Klinik in die andere, immer in der Hoffnung eine Linderung ihres Leidens zu finden. Ihr konnte nicht geholfen werden. Sie erholte sie sich nie mehr und starb am 23.9. 1980.

Anneliese, die zweite Tochter, setzte sich mit allen Kräften für die Familie ein. Sie war mit dem Fahrrad nach Hannover gefahren, um den Vater zu retten und sie war es, die half, ihren Bruder Eckhard aus der Kriegsgefangenschaft zu befreien.

Anneliese unterstützte von Anfang an die Eltern in der Gemeindearbeit. Sie war sehr musikalisch, spielte ohne viel Unterricht Klavier, Orgel, Gitarre, Flöte und Geige und engagierte sich als ausgebildete Gemeindehelferin und Katechetin in der Jugendarbeit im Dekanat Zwingenberg.

Im Kirchenkampf setzte sie sich mit allen Kräften für ihren Vater ein, rannte von Amt zu Amt und verhandelte mit der Gestapo. Der Kampf um den Vater hat sie restlos ausgebrannt. Nach Reiths Ausweisung aus Hessen erlitt sie 1940 einen Nervenzusammenbruch und musste in die Klinik.

Die Kliniken waren in der Nazizeit gefürchtet, weil man nicht wusste, wie der Kranke eingestuft und ab wann er als „unwertes Leben“ bezeichnet wurde.

In der Nervenklinik Tübingen musste sie schreckliche Behandlungsmetoden über sich ergehen lassen, die sie mehr zerstörten als ihr halfen. Verzweifelt machte sie einen Selbstmordversuch, wurde aber noch rechtzeitig im Wald gefunden.

Sie kam später in noch zwei andere Kliniken und erkrankte in Marburg zusätzlich an Tuberkulose. Am 14.10. 1963 ist sie gestorben. Eine Mitpatientin, eine Prostituierte aus Frankfurt, hatte sie erschlagen.

Wie hart muss dieser entsetzliche Schicksalsschlag ihren Vater – ein Jahr vor seinem Tode – getroffen haben.

Ihre Schwester Renate schreibt später:
„Menschen mit wachem Geist und empfindsamer Seele sind am meisten gefährdet. Die Selbstaufgabe und absolute Hingabe … scheint mir am gefährlichsten. Der totale Einsatz ist für uns alle Gift. Wir müssen uns abgrenzen, unsere Natur und Kräfte erkennen und danach leben lernen.“

Renate Reith (1944)

Renate Reith (1944)

Der jüngsten Tochter Renate verdanken wir die meisten Informationen über die Familiengeschichte, weil sie ein kleines Buch über das Leben ihrer Mutter verfasst hat.

Über sich selbst sagt sie:
„Für mich war es die härteste Aufgabe meines Lebens, die furchtbaren Ängste abzubauen und positive Gedanken zu pflegen. Noch 20 Jahre nach Vaters Verhaftungen fing ich an zu zittern, wenn es abends läutete. Die Angst hatte sich in Leib und Seele gefressen. …Durch all das Erlebte waren wir zu Außenseitern geworden. … Die ganze Kraft der Jugend brauchte ich, um überleben zu können. Kein Selbstwertgefühl konnte sich entwickeln unter solcher Atmosphäre von Verfolgung, Verachtung, Isolierung und dem Gefühl der Ausgeschlossenheit…Doch um so mehr …(schätze ich) diejenigen, die zu uns hielten, die mit uns gemeinsam sangen: „Herr wir stehen Hand in Hand“, die mit uns das „Dennoch“ übten.“

Renate Stegmaier (geb. Reith) lebte in Giengen/Brenz, wo sie wohl 2013 verstarb.

Im Seeheimer Pfarrhaus und später in seinem Haus in der Karolinenstraße hatte Pfarrer Georg Reith einen kalligraphisch selbst gestalteten Spruch hängen:

Mit beiden Füßen mitten im Leben stehn,
Hellen Auges Welt und Menschen ansehn,
Das Schöne lieben, das Schwere nicht scheun,
An Glück und Gaben tief innen sich freun,
Nehmen mit Liebe, mit Liebe geben,
Demütig denken, starkherzig streben,
Schaffen voll Wonne, sabbatstill ruhn,
Die Pflicht als ein Freigeborener tun,
Der Erde gehören mit Werktagsdenken,
Die Seele allzeit ins Ewige senken –
Das nenn ich Leben.

Ulla und Klaus Knoche